Als meine Corona-App plötzlich auf Rot sprang

(Dieser Text erschien am 29. Oktober 2020 auf NOIZZ.de)

Mehr als 20 Millionen Mal wurde die Corona-Warn-App mittlerweile heruntergeladen – unter anderem von NOIZZ-Chef Manuel Lorenz. Lange war in seiner App nichts los, außer ab und zu ein paar Begegnungen „mit niedrigem Risiko“. Anfang Oktober sollte sich das ändern. Denn plötzlich schlug seine App Alarm. Es folgten Tage der Ungewissheit.

Als ich die Corona-Warn-App öffne, sehe ich rot. Die Hälfte meines Handy-Bildschirms leuchtet in jener unzweideutigen Signalfarbe, oben steht groß „Erhöhtes Risiko“, darunter sind die Fakten aufgereiht: „3 Risiko-Begegnungen“, „5 Tage seit letzter Risiko-Begegnung“ und „Aktualisiert: Heute, 11:43“.

Jetzt hat’s mich also auch erwischt, ist mein erster Gedanke. Zumindest besteht die Möglichkeit, dass ich Covid-19 habe, jenes Virus, über das seit März die halbe, nein: die ganze Welt spricht, über das ich seit mehr als einem halben Jahr jeden Tag etwas höre oder lese, über das wir bei NOIZZ fast jeden Tag berichten. 

Das Virus, auf das die Menschheit nicht klarkommt. Von dem manche glauben, es sei nicht real, andere, es sei gar nicht so gefährlich, wie die Expert*innen behaupteten, denen die meisten Regierungen vertrauen, wieder andere, es diene dem Microsoft-Gründer Bill Gates dazu, uns zusammen mit dem Impfstoff einen Mikrochip unter die Haut zu jagen, um uns in Zukunft zu kontrollieren und so die Weltherrschaft an sich zu reißen. 

Währenddessen erkranken weltweit weiterhin Menschen an dem Virus mit dem täuschend schönen Namen – Corona heißt übersetzt ja auch Krone –, liegen auf Intensivstationen, leiden an dauerhaften Folgeschäden oder sterben infolge ihrer Infektion sogar.

Der Status quo am heutigen Montag (Anfang Oktober) laut dem Robert-Koch-Institut und der Weltgesundheitsorganisation: in Deutschland 300.619 Kranke und 9.534 Tote, weltweit mehr als 34.8 Millionen bestätigte Fälle und über eine Million Verstorbene. Von einem Abflachen der Kurve keine Spur. Im Gegenteil: Sie geht steil nach oben.

Corona-Fälle in Deutschland im Jahresverlauf (Quelle: WHO / Johns Hopkins University)
Corona-Fälle in Deutschland im Jahresverlauf (Quelle: WHO / Johns Hopkins University)
Corona-Fälle weltweit im Jahresverlauf (Quellen: Johns Hopkins University; CDC; WHO)
Corona-Fälle weltweit im Jahresverlauf (Quellen: Johns Hopkins University; CDC; WHO)

(Mittlerweile, in den drei Wochen, die seitdem ins Land gegangen sind, hat sich die Lage tatsächlich so verschärft, dass es in Deutschland ab Montag, 2. November zum zweiten Shutdown kommen wird.

Das laute Anrollen der zweiten Covid-19-Welle ist Wasser auf die Mühlen meiner Hypochondrie. Bis gerade eben verspürte ich keinerlei Symptome – nur das Normale: leichte Müdigkeit, schwache Kopfschmerzen, bisschen verschnupfte Nase –, plötzlich bemerke ich ein Kratzen im Hals. Ist es das schon? Die Inkubationszeit des Virus, fünf bis sechs Tage, müsste ja langsam vorbei sein. Vielleicht gewinnt es in diesem Augenblick seine erste Schlacht gegen mein Immunsystem. 

Die Einschläge kommen näher

Irgendwann musste es mich ja erwischen. Es ist nur logisch, wenn man auf die Zahlen schaut – und wenn ich mich unter meinen Freund*innen, Bekannten und Kolleg*innen umschaue. Ich kenne mittlerweile nicht mehr nur Leute, die jemanden kennen, der*die sich mit Corona infiziert hat, sondern ich kenne Erkrankte persönlich.

Letztens auf der Straße treffe ich eine Arbeitskollegin, und sie fällt mir schneller um den Hals, als ich ihr zum Corona-Gruß den Ellbogen entgegenstrecken kann. „Keine Sorge!“, sagt sie sofort, als sie meine Zurückhaltung spürt. „Ich hatte das Zeug schon. Ich bin jetzt immun“ – „Ah, okay, super“, sage ich und tue unbeeindruckt. Hoffentlich!, denke ich und erinnere mich daran, gelesen zu haben, dass Leute „das Zeug“ auch schon mal zweimal hatten. Aber gefühlt liest man ja jeden Tag was anderes. 

Ein Freund kommt aus dem Risikogebiets-Urlaub zurück und erzählt mir: „Wir beide haben es uns ja da geholt.“ Bei ihm sei es gar nicht so schlimm gewesen. Zwei Tage matt, bisschen Schnupfen. Bei seiner Freundin aber: zwei Wochen Bett mit allem drum und dran. Am krassesten sei der Geschmacksverlust gewesen: „Ich hab ihr eine Bolognese gekocht. Sie fand’s nur eklig – nicht weil sie nicht schmeckte, sondern weil sie nichts schmeckte!“ Sie habe nur die Textur im Mund gefühlt – und die sei bei Bolognese nicht gerade gut.

Ich könnte noch eine Handvoll weiterer solcher Geschichten erzählen, die zeigen: Die Einschläge kommen näher. Und damit die Wahrscheinlichkeit, selbst vom Virus befallen zu werden. Warum sollte es ausgerechnet mich verschonen?

Alarmstufe Rot in der Corona-Warn-App

Aber mal halblang. Was bedeutet Alarmstufe Rot in der Corona-Warn-App überhaupt? Wohl kaum, dass ich mir das Virus eingefangen habe – denn wie sollte eine App das ohne Test feststellen können? Das Programm hat lediglich festgestellt, dass ich vor fünf Tagen mit einer Person, die innerhalb der vergangenen 14 Tage positiv auf Covid-19 getestet wurde, relativ viel Zeit auf relativ kleinem Raum verbracht habe. Wie lang und wie nah genau, geht aus der App nicht hervor. Ihr Algorithmus berücksichtigt die Dauer, Nähe und Anzahl der Begegnungen sowie seitdem vergangenen Tage. (Wann genau die App auf rot springt, hat am besten „Heise Online“ erklärt.) 

Und sofort rattert es bei mir natürlich. Was hab ich am Mittwoch gemacht? Wo war ich? Wen hab ich getroffen? Mit wem saß ich wo wie lang zusammen? Ich komme zu keinem stringenten Ergebnis. Die einzige Person, die in Frage kommt, hat kein Covid-19 – oder lügt mich an. Ich tippe auf Fußball, Großraum oder Kantine. Aber eigentlich ist es auch egal.

Und jetzt?

Ich könnte die Corona-Warn-App-Warnung einfach geheim halten und schauen, was passiert. Ganz normal in die Redaktion gehen und so tun, als ob nichts ist. Aber erstens wäre das asozial und verantwortungslos. Und zweitens hab ich die Rechnung nicht mit meiner Frau gemacht. „Du sagst jetzt im Büro Bescheid und gehst dort nicht mehr hin, bis du weißt, was ist. Du gehst jetzt auch erst mal nicht raus. Und wir auch nicht. Wir hängen da jetzt ja mit drinnen.“ Mit wir meint sie sich und unsere Tochter. „Du rufst jetzt sofort bei deiner Hausärztin an und machst einen Termin, um dich testen zu lassen.“

Sie hat recht.

Ich gebe im Büro Bescheid und rufe meine Hausärztin an – die mir allerdings bedeutet, ohne Symptome würde sie mich nicht testen. Ich googel „corona test berlin“ und komme auf drei Möglichkeiten: 1. Eine Covid-19-Praxis aufsuchen. 2. Zu einer quicktest.berlin-Station fahren. 3. Sich ein Test-Kit nach Hause schicken lassen.

Da ich bereits einen Korb von meiner Hausärztin bekommen habe, verzichte ich auf einen Anruf bei einer Covid-19-Praxis. Außerdem steht da was von Symptomen, und mein Halskratzen ist schon wieder weg. Quicktest.berlin – das hört sich doch nach einem schnellen Ergebnis an! Aber davon gibt’s in der ganzen Stadt gerade nur eine – die an der Messe–, und der nächste Termin ist erst in sechs Tagen frei.

Also bestell‘ ich mir über meinen Arbeitgeber, der das zum Glück umsonst anbietet, ein Test-Kit nach Hause – einen sogenannten PCR-Test. Der gilt als genauer als die sogenannten Schnell- bzw. Antikörper-Tests, dauert aber halt auch viel länger, nämlich nicht bloß 15 Minuten.

Der Corona-Test-Kit kommt zu mir nach Hause

Dienstag, 10.15 Uhr: Es klingelt, ich öffne die Türe, ein UPS-Bote übergibt mir ein Paket. Das Test-Kit. Wow, ging das schnell! Auf der Rückseite steht in großen Lettern „Eurofins“, eines der weltweit größten Bioanalytik-Unternehmen mit Hauptsitz in Luxemburg. IMAGEvertical_align_centerCentermore_vert

Die Versandtasche mit dem Corona-Test-Kit
Die Versandtasche mit dem Corona-Test-Kit

Das Paket enthält ein Plastikröhrchen, an dessen Deckel ein langes Wattestäbchen befestigt ist, eine Gebrauchsanweisung, einen Sicherheitsbeutel, eine Rücksende-Box, eine Versandtasche, einen ausgefüllten Rücksende-Etikett sowie eine Reihe von Aufklebern, um die Probe direkt ins Labor nach Ebersberg zu schicken. Auf meinem Wohnzimmertisch sieht das alles erst mal ganz schön unübersichtlich aus, aber zum Glück erklärt die Gebrauchsanweisung übersichtlich Schritt für Schritt, was jetzt zu geschehen hat.

Erstens, einen Arzttermin buchen, zweitens, die Probe entnehmen, drittens die UPS-Abholung buchen. Klingt machbar!IMAGEvertical_align_centerCentermore_vert

Der Inhalt des Corona-Test-Kits
Der Inhalt des Corona-Test-Kits

Ich lade mir die App Kry auf mein Handy, erstelle ein Benutzerkonto, beantworte noch ein paar Fragen („Hattest du in den letzten 2 Wochen Kontakt zu jemandem, der COVID-19 hat?“ – „Ja/Nein/Weiß nicht“) und bekomme für 15.45 Uhr einen Termin bei Dr. med. Uwe L. Dieser würde mich, so wird mir mitgeteilt, in der Kry-App anrufen. IMAGEvertical_align_centerCentermore_vert

Die Terminbestätigung in der Kry-App
Die Terminbestätigung in der Kry-App

Leider findet der Termin zu spät statt, um die Probe noch am selben Tag vom UPS-Boten abholen zu lassen. Das wird erst morgen Früh funktionieren, zwischen 9 und 13 Uhr. 

Video-Sprechstunde bei Dr. med. Uwe L.

15.40 Uhr: In fünf Minuten beginnt die Video-Sprechstunde, langsam werde ich nervös – ein bisschen wie bei einem Blind-Date mit ungewissem Ausgang. „Bestenfalls befinden Sie sich zum Start des Anrufs vor einem gut ausgeleuchteten Badezimmerspiegel„, steht in der Anleitung geschrieben. „Nach Möglichkeit das Handy vor dem Spiegel so aufstellen, dass der Arzt Sie in der Kamera und Sie sich selbst im Spiegel gut sehen können.“ Außerdem soll ich natürlich „Tupfer mit Transportröhrchen und Testanforderungsformular“ mitnehmen.

Ich gehe ins Bad, öffne die App und … Er ruft an

„Guten Tag! Mein Name ist Uwe L., und ich glaube, wir haben einen Termin. Sind Sie Herr Manuel Lorenz?“ Lockenkopf, 10-Tage-Bart, Brille – und Headset. Bin ich in einem Call-Center gelandet? „Ja, das bin ich“, sage ich. Und finde die Situation einerseits unnatürlich, weil ich seit Chatroulette-Zeiten nicht mehr mit jemand Fremdem videotelefoniert habe; andererseits ist Videotelefonie mittlerweile ja das Normalste der Welt. Die ständigen Zoom-Konferenzen des Corona-bedingten Homeoffice-Zeitalters haben ja dazu geführt, dass wir selbst privat kaum mehr ohne Bild telefonieren, sondern immer unmittelbar das Kamera-Symbol ansteuern.

Und Herr L. ist superfreundlich, das merk‘ ich sofort. Ein bisschen der Typ Kinderarzt. Einer, der weiß, dass er seinen wehrlosen Patient*innen mit Psychotricks die Angst nehmen muss. Die Angst, sich selbst positiv auf COVID-19 zu testen. 

Er fragt noch einmal meine Daten ab, fragt mich, warum ich den Test machen will, was passiert sei, ob ich Symptome hätte. Dann sagt er, und er sagt es langsam und deutlich: 

„Egal, wie der Test ausgeht: Bleiben Sie gelassen.“

Er fährt im beruhigend-einlullenden Kinderarzt-Duktus fort: „Ich will das Virus nicht verharmlosen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Sie daran sterben, ist sehr gering. Sie sind 39 Jahre alt, haben keine Vorerkrankungen und verfügen über ein gutes Immunsystem. Und selbst wenn Sie Corona-positiv getestet werden: Die meisten Infektionen zeigen gar keine Symptome oder verlaufen mild. Ich sage Ihnen das, weil wir nach einem halben Jahr Dauerbeschallung durch Politiker und Medien die wesentlichen Fakten manchmal vergessen.“

Ich nicke, frage mich, ob er das Virus nicht doch verharmlost, wie er wohl an den Job gekommen ist – und warte darauf, dass es losgeht.

Dr. Uwe L. bedeutet mir, mich so hinzustellen, dass er mein Profil sehen kann. „Und jetzt ziehen Sie das Wattestäbchen aus dem Röhrchen, führen es im 20-Grad-Winkel an Ihrem oberen Gaumen entlang, bis Sie fast das Gefühl haben, Sie müssten sich übergeben. Zwirbeln Sie das Stäbchen zwischen Ihren Fingerspitzen einmal nach links, dann nach rechts, und wiederholen Sie diese Bewegung noch einmal. Dasselbe dann in beiden Nasenlöchern. Stäbchen im 20-Grad-Winkel rein, so lange schieben, bis Ihnen das Kribbeln kommt, das Sie vom Niesen kennen, einmal nach links zwirbeln, einmal nach rechts, wiederholen – fertig!“

Ich tue, wie mir geheißen, versuche, streberhaft alles richtig zu machen – immerhin geht es um ein möglichst unverfälschtes Testergebnis, soll heißen: um meine Gesundheit. Dr. L. korrigiert den Winkel ein wenig, mit dem ich das Stäbchen in meine Nase führe – fertig.

Insgesamt dauert der Video-Call 15 Minuten; das gesamte Prozedere samt Aus- und Einpacken, Terminbuchungen und „Probenahme mittels Video-Kosultation“, wie das, was ich gerade gemacht habe, offiziell heißt, beläuft sich auf nicht mehr als eine Stunde. 

Das Ergebnis

Mittwoch, 10.45 Uhr: Es klingelt, ich öffne die Türe, ein UPS-Bote. „Zwei Pakete?“ Es ist nur eins. Sobald er es im Labor abgeliefert hat, tickt die Uhr. Dann dauert es 24 bis 36 Stunden, bis ich weiß, ob ich Corona hab. „Sie erhalten eine Nachricht in der Kry-App“, heißt es in den Test-Unterlagen. 

Ich fühle mich ein wenig aussätzig. Das Wattestäbchen hat die abstrakte, unsichtbare Virus-Gefahr gleichsam anfassbar gemacht. Das Tagesthema eines halben Jahres, die „größte Gesundheitskrise unserer Zeit“ (laut WHO) könnte sich auch in mir eingenistet haben. Ich spüre die Last, obwohl noch gar nicht klar ist, ob sie mich auch wirklich betrifft. Bis ich das Ergebnis habe, muss ich meinen Körper erst einmal wie Atommüll behandeln: ihn von jedem abschotten, den er kontaminieren könnte – alle. In dubio contra reum – im Zweifel gegen den Angeklagten.  IMAGEvertical_align_centerCentermore_vert

Die fertige Probe für den Corona-Test
Die fertige Probe für den Corona-Test

Alle fragen jetzt dauernd nach: „Und?“ – „Was ‚Und?‘?“ – „Hast du das Ergebnis schon?“ – „Nein. Aber es müsste eigentlich bald kommen. Du wirst der Erste sein, dem ich Bescheid sage.“

Freitag, 9.41 Uhr: Die Kry-App schickt mir eine Push-Mitteilung. In meiner Inbox liegt eine neue Nachricht. „Ihr Testergebnis (Sars-CoV-2)“. Alles extrem unpersönlich, kalt. Wo ist Dr. med. Uwe L., wenn man ihn dazu braucht, einem mit seiner Kinderarzt-Stimme Mut zuzusprechen? Der Nachricht ist eine Datei angehängt. „Anhang_1.pdf“. Die machen’s aber spannend, denk ich. Hopp oder topp, gleich werd‘ ich’s wissen. 

Die PDF ist ein unübersichtlicher, sachlicher Bericht des Laborbefunds. Viele Daten und Begriffe, mit denen ich nichts anfangen kann. „Ct Value N-Gene“, „39 < Ct ≤ 42“, „COV6396783“. Hä? Ich suche nach Wörtern, die mir was sagen: „Corona“, „Virus“, „ja“, „nein“, „vielleicht“. Und dann werde ich fündig: „Result“ steht auf Englisch über der mittleren Spalte, und darunter lapidar „negative“. Sonst steht da nichts. Kein „Wir beglückwünschen Sie dazu, dass Sie kein Corona haben“, kein „Sie dürfen jetzt wieder unter Leute gehen“ – nichts. IMAGEvertical_align_centerCentermore_vert

Ausschnitt des Befunds. Resultat: negativ
Ausschnitt des Befunds. Resultat: negativ

„Ich bin negativ!“, rufe ich in die Wohnung und fange an, WhatsApp-Nachrichten zu schreiben. 

Ich bin COVID-19-negativ. Und die Einschläge kommen zwar immer näher, aber diesmal bin ich noch mal mit dem Schreck davongekommen. 

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Das gute alte 90er-Jahre-Skateboard ist zurück – auch dank Corona?

Das typische 90er-Jahre-Skateboard hatte die sogenannte „Popsicle“-Form; Foto: Lukas Bato / Unsplash

(Dieser Artikel erschien erstmals auf NOIZZ.de, 14. September 2020)

Lange war das sogenannte „Popsicle“-Skateboard verschwunden – jenes Rollbrett, mit dem wir aggressive Tricks auf der Straße und gefährliche Stunts in der Halfpipe verbinden. Jetzt taucht es plötzlich wieder überall auf und wird nicht mehr nur von Teufelskerlen gefahren. Ist womöglich die Corona-Epidemie schuld an diesem unverhofften Comeback? NOIZZ-Chefredakteur Manuel Lorenz geht auf eine Spurensuche, die ihn bis in seine eigene Jugend im Berlin der 90er Jahre zurückführt.

Surren, Rattern, Klackern auf Asphalt. Wer den Sound des Skateboards einmal abgespeichert hat, erkennt ihn selbst nach Jahren sofort wieder. Er ähnelt dem Klang, den ein Rollkoffer macht, der gerade zu einer Airbnb-Wohnung in Berlin-Kreuzberg gezogen wird. Nur ist er heller, härter und älter.

Diesen Sommer habe ich den Sound des Skateboards nach langer Zeit wieder öfter gehört. Und wenn ich Skateboard sage, meine ich das gute alte 90er-Jahre-Brett. Es besteht meistens aus Ahornholz, ist 80 mal 20 Zentimeter groß, sieht hinten und vorne identisch aus (hochgebogenes Heck, hochgebogene Spitze), hat eher kleine, eher harte Rollen und eignet sich eigentlich nur für zwei Dinge: Halfpipe fahren und Straßentricks stehen.

Seinen Höhepunkt hatte das Skateboard, von dem ich spreche, um die Jahrtausendwende herum. Der Profi-Skateboarder Tony Hawk wurde zu seiner Galionsfigur. 1999 vollführte er beim Extremsport-Event „X Games“ vor laufender Kamera einen „900“ – einer der schwierigsten Tricks überhaupt. Die Bilder davon gingen um die Welt und befeuerten den Verkauf des Videospiels „Tony Hawk’s Skateboarding“, das einen Monat später auf den Markt kam. Es ging fünf Millionen Mal über den Ladentisch. Plötzlich wollte jede*r Jugendliche skaten, und sei’s nur auf der PlayStation. 2001 war Skateboarding bei US-Amerikaner*innen unter 18 beliebter als der Volkssport Baseball, wie „OC Family“ 2003 herausfand.

In Deutschland hatte der Münsteraner Titus Dittmann die Szene vorangebracht. 2002 gab es bundesweit 30 seiner Titus-Skateboard-Läden mit insgesamt rund 500 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 75 Millionen Euro. Im selben Jahr brachte Pop-Sängerin Avril Lavigne den Song „Sk8er Boi“ raus. Das Skateboard war endgültig im Mainstream angekommen.

Und dann? Kamen Scooter. Inlineskates. Kickboards. Snakeboards. Mountainboards. Fingerboards. Longboards. Hoverboards. Pennyboards. E-Scooter und Rollschuhe. Fortbewegungsmittel mit Rollen und Rädern aller Art sowie Bretter in allen möglichen Formen. Skateboarding fühlte sich plötzlich alt und lahm an und wurde wieder zur Subkultur. Außerdem hatte, glaube ich, keiner mehr Lust, sich dauernd zu verletzen. Schürfwunden und Knochenbrüche kamen aus der Mode, das Zeitalter der Tricks und Stunts war vorbei. Man wollte jetzt vor allem cruisen – butterweich über glatten Asphalt.

Skaten passte einfach nicht mehr in mein Leben rein

Ich weiß gar nicht, warum ich aufhörte zu skaten. Vielleicht war es die andere Stadt nach dem Abi. Andere, neue Freunde, von denen keiner auf Skateboards stand. Studium. Anderes, neues Umfeld, das eher nach Cordsakkos verlangte als nach Hoodies mit großen Skate-Markenlogos. Adidas Sambas statt DC Shoes. Selbstgedrehte Zigaretten statt Runden drehen auf dem Skate-Platz. Kopfsteinpflaster in der Altstadt statt glattem Asphalt in der Millionenmetropole.

Vielleicht wollte ich auch einfach erwachsen werden, und Skateboarden war für mich Kindheit und Jugend. Was hätt‘ mein Geschichtsprofessor gedacht, wenn ich mit Rollbrett unterm Arm in die Mittelaltervorlesung gekommen wär‘? Wie hätte meine Latein-Lerngruppe auf mein Basecap reagiert? Und mit dem Board zum Musikwissenschafts-Date oder zur Karaoke-Night im Irish Pub? Undenkbar. Abgesehen davon, dass ich in Freiburg sowieso kaum jemanden skaten sah – der Hype war ja auch langsam vorbei –, passte es wohl einfach nicht mehr in mein Leben rein.

Mittlerweile bin ich 20 Jahre älter und zwei weitere Male umgezogen – und weiß nicht mal mehr, ob ich mein altes Skateboard überhaupt noch hab! Im Keller ist es nicht. Vielleicht bei meinen Eltern? Oder sollte ich es tatsächlich weggeschmissen haben? Ich weiß noch, dass mir zuletzt die Vorderachse gebrochen war. Aber das wäre für mich Nostalgiker und heimlichem Messie kein Grund gewesen, das ganze Brett zu entsorgen.

Das Einzige, was ich im Keller finde, ist mein uraltes, kleines Pennyboard, das ich als Neunjähriger meinem Freund Stephan für hart ersparte 30 Taschengeld-D-Mark abgekauft hatte und auf dem ich so lange durch die Fußgängerunterführung unseres S-Bahnhofs fuhr, bis ein Rentner mit seinem Gehstock nach mir schlug.

Mein erstes richtiges Skateboard kaufte ich mir Anfang der 90er Jahre in Zürich bei einem Städtetrip mit meinen Eltern. Denn selbst in Berlin, wo ich damals wohnte, waren Skate-Shops noch eine Rarität. Natürlich gab es Mike’s and Billie’s, den legendären Laden am Nollendorfplatz, in Kreuzberg Search and Destroy und in Wilmersdorf California Boarding. Aber für einen Elfjährigen war es selbst in einer Stadt wie Berlin ultraschwer, solche Orte ausfindig zu machen. Von Skateboard-Magazinen wusste ich nichts, und das Internet gab es damals so auch noch nicht.

Die Skate-Shops, die es Mitte der 1990er in Deutschland gab, passten auf zwei Seiten (im „Monster Skateboard Magazine“, Nr. 117, 5/1996), und man fand nur raus, welche es gab, wenn man ein Skate-Magazin ergatterte oder jemand einem davon erzählte; Foto: Privat

Den Laden in Zürich gibt es heute nicht mehr. Er war relativ zentral gelegen und in einem Eckhaus untergebracht. Oben gab es Mode, unten Skateboards. Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinem Vater – seine Gegenwart war mir sicherlich peinlich, aber er hatte halt das Geld dabei – die Treppen ins Untergeschoss herunter stiegen und an einem schillernden Ort rauskamen. Er wirkte auf mich wie eine Wunderkammer.

Die Wände hingen voller Bretter mit den ausgefallensten Grafiken; die restlichen freien Stellen zierten Poster, auf denen Skateboard-Fahrer halsbrecherische Tricks vollführten. Auf dem Tresen lagen Skateboard-Magazine, VHS-Kassetten und Sticker herum. In einer Glasvitrine lagerten unzählige Rollen und Achsen in verschiedensten Farben und Größen, außerdem Kugellager und Öl. Ich dachte, ich hätte Eldorado gefunden.

Skate-Parks gibt es mittlerweile selbst im kleinsten Kuhkaff

Heutzutage ist es leichter denn je, in die Skateboard-Kultur einzutauchen – selbst in der abgelegensten Provinz. Man braucht dafür nur einen Internetanschluss. Klamotten, Boards und sonstiges Zubehör findet man in zig Online-Shops; auf Instagram kann man den Skate-Stars folgen, auf YouTube jeden Trick mithilfe von Schritt-für-Schritt-Videos lernen. Magazine sind sowieso ins Netz umgezogen, wenn sie die Digitalisierung überlebt haben. Und Skate-Parks gibt es mittlerweile selbst im kleinsten Kuhkaff.

Das Einzige, worum man selbst heutzutage nicht herumkommt, wenn man Skater werden will, ist, sich unzählige Male hinzulegen, sich Schürfwunden, Verstauchungen, Prellungen und – mit ein bisschen Pech – Knochenbrüche zuzulegen.

Vielleicht hat auch diese Allverfügbarkeit das Skaten erst mal unspannend gemacht. Subkulturen wie der Graffiti-Szene ging es gleichzeitig wahrscheinlich ähnlich. Denn ein wesentlicher Punkt am Sprayen, Rappen, Breakdancen und Raven, am Goth-, Skinhead- oder Punk-Dasein war ja das Geheimnis, der Code. Und wenn der offen zutage liegt und jeder immer und überall problemlos darauf zugreifen kann, verliert er erst einmal seinen Reiz.

Abgrenzen kann man sich nur, wenn es Mauern gibt. Und die hatten der Mainstream und das Internet gemeinschaftlich eingerissen. Alles verfloss mit- und ineinander, alles war gut, alles war möglich. Es herrschte endlich das oft beschworene Anything goes der Postmoderne.

Bis in die 90er glichen Subkulturen Sekten

Bis auch das ausgereizt schien und man sich wieder festlegen wollte – allerdings undogmatischer. Denn die Zeiten der kleinen Glaubensgemeinschaften – Skater, Grunger, Gamer et cetera –, die miteinander um die Wahrheit streiten, sind endgültig vorbei. Bis in die 90er glichen Subkulturen Sekten mit unverrückbaren, miteinander unvereinbaren Glaubenssätze. Rap-Gruppennamen wie Wu-Tang Clan und A Tribe Called Quest oder Bezeichnungen wie Rave-Nation unterstreichen dieses Verlangen, einem Stamm mit bestimmten Riten zuzugehören.

Wer Skater sein wollte, musste Skate-Schuhe tragen, Baggys, weite T-Shirts und Pullis. Am besten noch ein Basecap. Natürlich waren bestimmte Marken wichtig: Airwalk, Carhartt, Dickies, Element, Emerica, éS, Etnies, Osiris, Stüssy, Vans und Volcom – um nur einmal ein paar Brands zu nennen, die in meinem Umfeld wichtig waren.

Man hörte am ehesten Skate-Punk. Hip-Hop war aber auch okay, wenngleich man damit Gefahr lief, als Softie abgestempelt zu werden – und das wollte man auf keinen Fall. Skater waren harte Hunde, die im Zweifel abseits der Halfpipe irgendwelchen gleichermaßen gefährlichen wie lustigen Quatsch verzapften. Das gehörte ebenfalls dazu – das machten die Profis in den Skate-Videos vor. Das „MTV“-Format „Jackass“ trieb diesen Lifestyle auf die Spitze. Insgesamt ging’s recht stark Richtung Bürgerschreck. Eine Königsdisziplin war es, die Erwachsenenwelt gegen sich aufzubringen – vor allem natürlich beim Skaten an Orten, an denen es explizit verboten war.

Ich schreibe übrigens absichtlich Skater und nicht Skater*innen, denn Skaten war mit wenigen Ausnahmen absoluter Jungs-Sport. Mädels waren chauvinistischerweise Zubehör, Publikum, diejenigen, die am Rande der Halfpipe saßen und die Teufelskerle bewunderten, die für sie in den Krieg zogen, gegen die Schwerkraft, den Trick, der nicht funktionierte und die eigene unausgesprochene Angst. Die einzige Chance, um als Skater akzeptiert zu werden, war genau das: zum Jungen zu werden, alles, was gemeinhin mit Weiblichkeit verbunden wurde, über Bord zu werfen. Ansonsten blieben sie Groupies oder sogenannte „Bettys“. 

Mädels zierten die Unterseite zahlreicher Bretter: halbnackt, nackt, als Pin-ups, auffordernd oder sogar explizit pornografisch. Berühmte Beispiele dafür sind das „Randy Colvin XXX“-Deck von World Industries oder die anzüglichen Manga-Decks der japanischen Skateboard-Marke Hook-ups. Dasselbe gilt für die Werbung, wo Frauen lediglich als Beiwerk dienten. Die Szene war, das ist schwer zu verkennen, sexistisch oder sogar misogyn – von der latenten Homophobie gar nicht erst zu sprechen. 


 
 
 
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„Rostlaube“, Oskar-Helene-Heim, Yaam: Wo wir Bildungsbürger-Teenager skateten

Die Punk-Attitüde des Skatens zog auch uns an. Nur, dass wir – mein Freund Jakob und ich, mit dem ich auch meine Leidenschaft für Hip-Hop und Graffiti auslebte – dem Bildungsbürgertum entstammten und keine Lust auf allzu viel Ärger sowie allzu versehrte Körper hatten. Deshalb reichte es bei uns gerade mal fürs Skaten auf der ruhigen Straße vor dem Einfamilienhaus, in dem Jakob mit seinen Lehrereltern wohnte.

Manchmal, wenn wir mehr Zeit hatten, fuhren wir aber auch mit Bus und U-Bahn zu Skate-Spots, die abenteuerlicher waren: die „Rostlaube“ der Freien Universität in Berlin-Dahlem oder der Skate-Park „bei den Amis“ nahe der U-Bahnstation Oskar-Helene-Heim. Dort, wo sich noch lange viele Wohnsiedlungen des US-Militärs befanden, gab es alles, was unsere jugendlichen, Amerika-verrückten Herzen begehrten: den besagten Park mit Halfpipe und Miniramps, ein echtes Baseballfeld und einen McDonald’s.

Einmal wagten wir uns ganz weit raus – besser gesagt rein: ins Zentrum von Berlin. Wir hatten gehört, dass der Kulturtreff Yaam am Spreeufer zwischen Friedrichshain und Kreuzberg ein aufregender Ort sein sollte – mit Hip-Hop-Jams, Basketball-Court und einer großen Halfpipe. Die Brache, auf der sich der Club damals befand, war eine anderthalbstündige Irrfahrt von uns Südwest-Berliner Teenagern entfernt. Auf dem Weg dorthin stolperten wir über die ersten frei laufenden Neonazis, die wir je gesehen hatten, und als wir endlich ankamen, fanden wir den großen Außenbereich verwaist vor, und es hatte zwischenzeitlich geregnet, sodass aus der Halfpipe auch nichts wurde. Auf dem Rückweg machten wir uns noch die ganze Zeit wegen der Glatzen in die Hose.

Natürlich brachte alles Skate-Gehabe nichts, wenn man nicht wusste, was ein Ollie ist, ein Nollie Kickflip to 50-50, ein Fakie Nosegrind oder ein Switch Backside Bigspin. Es gab Dutzende dieser Begriffe, und man konnte sie nirgends nachlesen, außer verstreut in Magazinen (von denen man auch nur eine Handvoll besaß). Man musste sich sein Lexikon des Skate-Jargons mühsam zusammenklauben

Eines der wenigen Skate-Magazine, die der Autor als Jugendlicher besaß: das "Monster Skateboard Magazine", Nr. 117, 5/1996 Foto: privat / Noizz.de
Eines der wenigen Skate-Magazine, die der Autor als Jugendlicher besaß: das „Monster Skateboard Magazine“, Nr. 117, 5/1996; Foto: Privat

Die neue Lust auf die alten Subkulturen

Heute kannst du tragen, was du willst, und wahrscheinlich sogar Helene Fischer hören. Du kannst den Habitus von Philipp Amthor haben, und wirst nicht aus dem Skatepark gejagt. Du kannst sogar eine Frau sein – auch wenn Skaterinnen immer noch die Ausnahme sind. Ollie? Ist das der Typ da drüben? Wheelie? Sagt man das zu den Rollen? Egal. Es ist alles egal. Du kannst machen, was du willst. Hauptsache, du besitzt ein Skateboard – und wenn bloß als Accessoire.

Es gibt eine neue Lust auf die alten Subkulturen, und damit auch aufs Skaten. Aber man hat halt keine Lust auf Glaubenssätze. Man will kein Teil einer Religion sein, sondern einfach machen, was man will.


 
 
 
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Um zu sehen, wer plötzlich alles skatet, reicht (in Berlin) ein Blick auf die Fahrradwege, auf die Straßen und Bürgersteige von zentralen, trendbestimmenden Ortsteilen wie Kreuzberg, Mitte und Neukölln. Es sind noch nicht die Massen wie beim Longboard-Boom Anfang der Zehnerjahre, es sind unregelmäßige, vereinzelte Vorwehen, die die Wiedergeburt des Skateboards einläuten.

Wer sich abends auf Plätzen wie der vielbevölkerten Admiralsbrücke beim Biertrinken verliert, trifft 24-jährige Bohemiens wie Carlo, ein Römer, der in Berlin Elektro-Musik produziert. Er ist sicherlich kein klassischer Skater, sitzt aber inmitten seiner Expat-Freunde auf einem 90er-Jahre-Brett. Am schmiedeeisernen Geländer ruht gleichzeitig ein Großstadt-Hippie auf einem Skateboard derselben Machart und füttert seine Boombox mit Eurodance. Im nächsten Augenblick läuft ein Teenie vorbei, 16, maximal 17 Jahre alt, unter seinen Arm ein Nineties-Teil.

Andere Szenen aus den vergangenen Tagen: Ein Mittvierziger-Vater ist mit seinen beiden Kindern – ein Junge, ein Mädchen – im Grundschulalter unterwegs, beide mit Helm, beide mit Skateboard. Ein Student fährt auf seinem Rennrad vorbei, auf seinen Rücken hat er sich ein Skateboard gebunden. Ein anderer Radler transportiert sein Sportgerät auf dem vorne angebrachten Fahrradkorb. Als ich aus dem Fenster meiner Küche schaue, sehe ich im Hinterhof meine Hipster-Nachbarin mit einem neuen, noch achsenlosen Skateboard unterm Arm. Ich könnte zig solcher Augenblicke aufzählen.

Selbst auf dem Tempelhofer Feld, jenem Riesenspielplatz der Nation, auf dem sich seit Jahren Asphalt-Aficionados aller Couleur in der Abendsonne tummeln, von Inlineskates und Rollschuhen über Monowheels und Scootern hin zu Rollbrettern jeglicher Form und Funktion, wimmelt es von 90er-Jahre-Skateboards. Die viereinhalb Kilometer lange ehemalige Start- und Landebahn, der sechs Kilometer lange Rundweg, die unendlichen glatten Weiten reflektieren plötzlich wieder diesen Sound: surr, surr, surr, klack!, surr, surr, surr, klack!, klack!

Aber spinne ich mir da vielleicht nur etwas zusammen? Stimmen meine Beobachtungen? Oder sind sie reines Wunschdenken, Nostalgie, ohne Fakten, die sie untermauern?

Skate-Ikone Ralf Middendorf: „Mit deiner Beobachtung liegst du goldrichtig“

Ein Anruf bei einem, der’s wissen muss: Ralf „Ralle“ Middendorf. Der 52-Jährige ist eine deutsche Skate-Ikone. 1987 wurde er Profi-Boarder, noch im selben Jahr widmete ihm der Titus-Store ein eigenes Brett („Made by Santa Cruz in California“). Der erste Europäer, der einen McTwist stand, bis heute ein verdammt schwerer Trick. Seit damals arbeitet er ununterbrochen in verschiedenen Bereichen des Titus-Universums, dem Schrittmacher der deutschen Skateboard-Kultur.

Seit 2009 leitet Middendorf für das in Münster beheimatete Unternehmen die Produktentwicklung der Skateboard-Hardware, also Bretter, Achsen, Rollen, Kugellager, Schrauben, und, und, und. Er hat den Überblick darüber, was in den 25 Titus-Läden in Deutschland und im Online-Store am häufigsten verkauft wird.

„‚Popsicle‘ heißt die Skateboard-Form, die du meinst“, sagt Middendorf. „Und mit deiner Beobachtung liegst du goldrichtig: Wir haben das schon letzten Sommer gemerkt, mit unseren amerikanischen Zulieferern gesprochen und für dieses Frühjahr 20 Prozent mehr bestellt.“ Jackpot. Im März und April dieses Jahres hätte Titus was das gute alte 90er-Jahre-Skateboard – das Popsicle – angeht, Zuwächse von mehr als 150 Prozent gehabt. „Bis vor Kurzem waren wir ziemlich ausverkauft.“

Das Problem: Durch Corona mussten Anfang des Jahres die chinesischen Fabriken schließen. Und die sind weltweit die zweitwichtigsten Skateboard-Produzenten. Das führte zu Engpässen. Dann, China hatte die Epidemie gerade in den Griff bekommen, ging – Zitat Middendorf – „das Theater“ in Amerika und Mexiko los. „Die ganze Skateboard-Branche konzentriert sich gerade auf China. Wenn wir ein neues Produkt bestellen, braucht das fast ein Jahr.“ Statt 500 Boards habe man 1.000 Stück bestellt. Im März, April 2021 gäbe es vielleicht ein Loch. Danach sei man wieder eingedeckt.

Selbst der größte Skateboard-Produzent der Welt, die kalifornische Firma Skate One, leidet unter den verschärften Produktionsbedingungen der Corona-Krise. Das Unternehmen ist bekannt durch die alt-ehrwürdige Marke Powell-Peralta, ihr Gründer, George Powell, ist seit 44 Jahren im Skateboard-Business. „Wir liegen gegenwärtig mit der Produktion drei bis vier Monate zurück“, sagt Powell gegenüber „Capitol Weekly“. In seiner Fabrik in Santa Barbara arbeiten normalerweise 40 bis 60 Leute Tag und Nacht und stellen Bretter und Achsen her. Die Pandemie hat die Belegschaft auf ein Minimum reduziert. Man komme kaum mehr hinterher, und so ergehe es, sagt Powell, auch seinen Konkurrenten.

Gleichzeitig stellt er seit vergangenem Jahr einen Skateboard-Boom fest. „Wir haben seit dem Goldenen Zeitalter des Skateboards zwischen 1983 und 1989 keinen so großen Aufschwung mehr erlebt“, sagt Powell im „Capitol Weekly“. 2019 sei die Nachfrage nach Skateboards um 20 bis 25 Prozent gestiegen. Der amerikanische Traditionshersteller Independent hat letztes Jahr zum ersten Mal in seiner 42-jährigen Geschichte mehr als eine Million Achsen verkauft.

Sowohl Powell als auch Middendorf machen für den Boom einerseits verantwortlich, dass Skaten 2020 erstmals olympische Disziplin sein sollte. Diese Premiere wurde nun vorerst auf das kommende Jahr verschoben, was der allgemeinen Vorfreude aber wohl keinen Abbruch tut. Andererseits behaupten beide – und das ist nun wirklich höchst brisant –, dass die Corona-Epidemie viele dazu veranlasst habe, sich ein Skateboard zuzulegen. „Zu Beginn der Krise war ja alles zu: Turnhallen, Fitnessstudios, Sportvereine, Fußballplätze“, sagt Ralf Middendorf. „Die Leute saßen alleine drinnen, während draußen die Sonne schien.“ Offenbar kam da vielen von ihnen unabhängig voneinander derselbe Gedanke: Warum nicht einfach Skateboarden?

Man muss aber nicht erst mit Skate-Ikonen sprechen, um der Rollbrett-Revival auf die Schliche zu kommen. Es reicht ein Blick auf Google Trends. Dort sieht man, dass die Suchanfragen für das Wort „Skateboard“ genau zu jenem Zeitpunkt in die Höhe schossen, als Angela Merkel zum ersten Mal in Sachen Corona an die Deutschen appellierte: nämlich in der zweiten Märzwoche. So hoch wie zwischen März und August war der Wert zuletzt 2004.

So oft wurde "Skateboard" zwischen 2004 und 2020 gegoogelt
So oft wurde „Skateboard“ zwischen 2004 und 2020 gegoogelt; Foto: Google / Screenshot

Ist also vor allem ein Virus schuld am grassierenden Skateboard-Fieber?

Jein.

Das Rollbrett-Revival und die 90er-Jahre-Renaissance

Der neuerliche Skateboard-Hype deutete sich nämlich bereits seit spätestens 2015 an und surft auf einer Welle, der wir uns schon seit Längerem hingeben: der 90er-Jahre-Renaissance. Eine Wiedergeburt jenes Jahrzehnts findet ja seit geraumer Zeit in fast allen Lifestyle-Bereichen statt – besonders in Mode und Musik.

Im Zuge dessen instrumentalisierten Fashion-Brands auch das Skateboard für ihre Zwecke. Den Anfang machte das „Thrasher“-T-Shirt. 2015 zeigten sich plötzlich Stars wie Ryan Gosling mit dem Flammenlogo des traditionsreichen Skateboard-Magazins. Die Luxus-Marke Vetements platzierte es auf einem Oversize-Hoodie, den sie für 1.000 Dollar verkaufte. Danach war kein Halten mehr: Billig-Reproduktionen des Logo-T-Shirts fluteten den Markt, 2016 trugen es erste Influencer*innen, dann – bis heute – quasi jede*r. H&M und Forever 21 entwarfen sogar eine Abwandlung des ikonischen Designs, und R13 verkaufte seine Version des Hinguckers für knapp 300 Euro.

Das Fake-"Thrasher"-T-Shirt von "H&M" – und die Reaktion darauf in einem "Thrasher"-Tweet Foto: thrashermag / Twitter
Das Fake-„Thrasher“-T-Shirt von „H&M“ – und die Reaktion darauf in einem „Thrasher“-Tweet; Foto: thrashermag / Twitter
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Der Fake-„Thrasher“-Hoodie von Forever21 – samt Instagram-Reaktion von „Thrasher“; Foto: thrashermag / Instagram
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Die R13-Version des Thrasher-Logos; Foto: R13 / Promo

Der damalige „Thrasher“-Chefredakteur Jake Phelps distanzierte sich sofort von dem Hype: „Wir senden keine Produkte an Justin Bieber oder Rihanna oder solche verfickten Clowns“, sagte er in einem „Hypebeast“-Interview. (2012 hatte er bereits ähnlich harsch darauf reagiert, dass Rapper wie Tyler the Creator und ASAP Rocky „sein“ T-Shirt auf Festivals getragen hatten: „Wenn du dich so anziehst und noch nie Skateboard gefahren bist, dann weißt du, dass du dich selbst verfickt noch mal belügst“, sagte er damals gegenüber „Dazed“.)

Gleichzeitig entdeckten Hypebeasts Skate-Klamottenmarken wie Palace und Supreme. Letztere, die schon 2012 mit der Avantgarde-Brand Comme des Garçons kooperiert hatte, erging es dabei ähnlich wie „Thrasher“. T-Shirts mit dem prägnanten Logo überschwemmen mittlerweile als Fälschung jeden Schwarzmarkt. Mit Skateboard-Kultur hat das nichts mehr zu tun. Dasselbe gilt für die Sneaker-Marke Vans. Außerhalb der Szene trug sie lange niemand – außer „Sk8er Girl“ Avril Lavigne und Mitglieder von Nu-Metal-Bands. Dann kam 2016 der Rapper Frank Ocean, trug sie zum Dinner im Weißen Haus, und plötzlich wollte sie jede*r haben. (Die Marke hatte den Grundstein zum Image-Wechsel weg von der Skater- hin zur allgemeinen Lifestyle-Marke allerdings schon 2012 gelegt, wie „Business Wire“ damals berichtete.)

2016 war folglich das Jahr, in dem die Skate-Fashion mainstream wurde. Die „Vogue“ lancierte damals sogar eine „Skate Week“, die bei richtigen Skater natürlich auf Hass stieß („Suck our vaginas!“, skandierte man auf Instagram). Es folgte die Wiederauferstehung zahlreicher Skate-Klamottenmarken wie Dickies, DC Shoes und Stüssy.

2018 kam Jonah Hills Film „Mid90s“ raus (NOIZZ berichtete), der die 90er-Jahre-Renaissance mit dem Rollbrett-Revival vereinte. (Hill hatte 2016 bereits in einem Werbeclip für Palace x Reebok mitgespielt.) Im August verkündete die Mainstream-Hippness-Kette Urban Outfitters stolz auf Instagram: „Wir haben jetzt Skateboards!“ Und im September erfuhren die ersten beiden „Tony Hawk’s Pro Player“-Spiele eine Neuauflage.


 
 
 
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We’ve got skateboards!

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Aber warum greifen wir in Zeiten von Corona gerade zu einem Holzbrett mit Rollen, wo es doch zig andere Sportarten gibt, die man alleine, abseits von klassischen In- oder Outdoor-Stätten treiben kann? Warum gerade diesen Teufelskerl-Sport in seiner 90er-Jahre-Version? Genau deshalb: wegen seines Charakters, und weil er als Zeitmaschine fungiert.

Das Skateboard als Gegengift für Corona

Zwei wesentliche Eigenschaften der Corona-Epidemie sind ja, dass sie erstens eine unsichtbare Gefahr darstellt, etwas, das tödlich für uns sein kann, ohne dass wir es je gesehen haben, eine immaterielle Bedrohung, etwas Körperloses, gleichsam nicht von dieser Welt.

Zweitens ist sie aber dadurch gegenwärtig, dass sie in unseren Lebensraum eingedrungen ist und unsere Welt in höchstem Maße bestimmt. Sie hat uns wieder zu Höhlenbewohner*innen gemacht, die draußen den Säbelzahntiger fürchten. Die Angst vor ihr legt sich wie ein Schleier über all die anderen Ängste, die die Gegenwart bestimmen: Angst vor einem Terroranschlag, Angst vor der Klimakatastrophe, Angst vor finanziellem Abstieg, Angst vor einem Dritten Weltkrieg. Corona ist das weiße Angst-Rauschen, das uns gerade noch gefehlt hat.

Und da kommen uns das gute alte Skateboard und seine 90er gerade recht. Denn Skateboarding ist ein zutiefst körperlicher Sport. Rau, roh, hart, brutal. Deshalb geben die meisten Anfänger auch nach einem halben Jahr auf. Die Gefahr beim Skaten ist ganz augenscheinlich, die Verletzungen spürt und sieht man sofort: die Schürfwunden und blauen Flecken, das Blut, den Schorf, den Knochenbruch. Das ist alles sehr von dieser Welt. Und so treibt man den Teufel mit dem Beelzebub aus und betäubt geradezu dialektisch jene fiese, hinterlistige, unehrliche, unsichtbare, geradezu jenseitige Angst mit einer äußerst diesseitigen. Denn was fühlt sich aufrichtiger an, als sich auf die Nase zu legen?


 
 
 
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DAMN IT FEELS GOOD TO BE A SKATER #skate #skateboard #skateboardingisfun #wounds #skatewounds @love_skateboarding__

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Auch sind die smoothen Longboard-Zeiten vorbei: Man will die Wirklichkeit des Asphalts unter sich spüren – mit Hilfe von harten Rollen und Achsen.

Außerdem war Skaten auch immer ein „Reclaim the streets“-Sport. Es ging darum, den öffentlichen Raum zurückzugewinnen – von der bösen Erwachsenenwelt. Von den Firmen, Einrichtungen und Privatpersonen, die ihn einfach für sich beansprucht hatten. Man kletterte über Zäune, brach in Grundstücke ein, besetzte bzw. beskatete Plätze – und fuhr natürlich durch die Stadt, in dem Bewusstsein: Das alles gehört jetzt wieder uns. Wenigstens in den Augenblicken, in denen wir es mit unserem Sound bespielen: surr, surr, surr, klack!, surr, surr, surr, klack!, klack!

Dasselbe machen die Skateboarder jetzt wieder. Sie holen sich den Raum zurück, den Corona ihnen weggenommen hat. Und fühlen sich auf ihrem Brett vielleicht sogar ein bisschen weniger verwundbar.

Die 90er-Jahre-Renaissance als Schutzschild gegen die Welt

Aber da ist auch noch der Zeitreise-Aspekt. In den 90ern waren die meisten von uns – ich spreche hier von den Millennials – entweder Kinder oder Jugendliche. Die 90er waren zwar keine weniger Krisen-gebeutelte Zeit, als es unsere Gegenwart ist – die ersten Folgen der Deutschen Einheit, brennende Asylbewerberheime, Kriege in Ex-Jugoslawien, im Nahen Osten und in Tschetschenien, zum ersten Mal über vier Millionen Arbeitslose, Castor-Transporte und CDU-Spendenaffäre. Und hinter dem Horizont des Jahrzehnts sah man schon die zwei rauchenden Türme, die die Welt für immer verändern würden.

Aber wir, wir waren noch jung, waren zum ersten Mal verliebt, dachten, wir würden einst alles besser machen, fühlten uns nicht verantwortlich für all den Mist, den die Erwachsenen bauten. Außerdem wohnten wir ja noch zu Hause – in mit Starschnitten tapezierten Panic-Rooms, in denen wir uns in Sicherheit wähnten, egal, was draußen gerade geschah. Wir konnten uns sorglos durch unsere Jugend kifften, Nirvana oder Tupak hören, zaghaft anwenden, was wir auf den „Liebe, Sex & Zärtlichkeiten“-Seiten der „Bravo“ gelernt hatten. Und wenn wir mit Edding „Fuck Chirac“ auf unsere Eastpaks und Armee-Rucksäcke schrieben, von denen abgebrochene Mercedes-Sterne hingen, machten wir das vor allem, weil das Wort Fuck (das sich auch noch auf Jaques reimte) genauso viel Spaß machte wie die aggressiven Antifa-Parolen auf den gelben Spuckis, die wir in der ganzen Stadt verteilten.

Dass wir überteuerte Klamotten trugen, die unter miserablen Bedingungen in Sweatshops hergestellt worden waren, dass wir nach der Anti-Atomtests-Demo bei McDonald’s geschredderte Küken aßen, interessierte wirklich niemanden von uns. Wir konnten uns kopflos in all den Trash fallen lassen, den die Dekade für uns bereit hielt. In all den Konsum, die Geschmacklosigkeiten, den Hedonismus, den Fun. In gefährlichen Sport wie Skateboarden. Denn das Leben selbst barg noch kein Risiko.

Dieses Gefühl möchten wir mit unserer 90er-Jahre-Retromanie und mit dem Skateboard, das wir wieder ausgraben oder neu für uns entdecken, wieder heraufbeschwören. An die Wohligkeit, den Kokon, der uns umgab. Es dient uns als Schutzschild gegen die Welt, die gerade wieder zu kollabieren droht. Corona war der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Die 90er sind wie eine Droge, die alles weich und angenehm macht, so als ob die Perwoll-Werbung von damals wahr würde. Wie Ecstasy, jene Knuddeldroge, die in jenem Jahrzehnt ihre erste Hochzeit hatte. Das Skateboard ist unser Vehikel dahin. Auf ihm rollen wir direkt hinein in die fluffige, weiche Wohlfühlwatte.

Es gibt noch einen weiteren, banaleren, unspektakuläreren weil pragmatischeren Grund für das Pandemie-bedingte Rollbrett-Revival, und der betrifft die Alten von uns – und mit alt meine ich alle über 30. Ich spreche von den „Skategeezern“ oder „Rad Dads“, wie mittelalte Skater genannt werden, die sich sogar in Facebook-Gruppen wie „Very Old Skateboarders“ austauschen, am liebsten über ihre Verletzungen.

Das „ZEITmagazin“ hat diesem Phänomen, das nicht erst seit Corona existiert, vergangenen Herbst einen eigenen Artikel gewidmet. (Es betrifft leider mal wieder nur Männer.) Jetzt verlassen aber auch jene Skate-Rentner ihren Action-Ruhestand, deren letztes, altes, zerschundenes Board eigentlich nur noch als Deko über der Ligne-Roset-Couch im Wohnzimmer hing.

Das „Baltimore“-Magazin hat im August für die gleichnamige US-Stadt festgestellt, dass die Umstände der Corona-Pandemie viele 30-bis-40-jährige Bewohner wieder aufs Skateboard hat stehen lassen. Es ist dort von „Frühaufstehern“ die Rede, die die frühen Morgenstunden zuvor damit verbrachten, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren, ihre Kinder für die Schule fertig zu machen oder bei Starbucks anzustehen.

Baltimore ist von Berlin zwar Luftlinie mehr als 6.600 Kilometer entfernt, das Phänomen scheint aber dasselbe zu sein: Quarantänemaßnahmen, Kurzarbeit, Homeoffice oder allgemein ein flexiblerer Umgang mit Arbeitsorten und -zeiten haben dazu geführt, dass viele das erste Mal seit Jahren im Hamsterrad endlich wieder ein wenig Luft oder überhaupt einen Kopf für Hobbys wie das Skaten haben – ob vor, nach oder statt dem Arbeiten oder in der ausgedehnten Mittagspause. Vielleicht fangen ihre Kinder bald selbst an zu skaten.

Skaten hat für all die „Rad Dads“, die jetzt wieder Muße dafür haben, auch etwas Nostalgisches. Sie merken die ersten Zuckungen der Midlife-Crisis und besinnen sich noch mal auf jene Zeit in ihrem Leben, als sie noch Ideale hatten, Pläne, Träume, als alles noch offen war, die Zukunft noch ungewiss, die Gegenwart aber so real wie der Schmerz nach einem Skateboard-Sturz.

Corona hat ihr langweiliges Leben zwar nicht zu einem Abenteuer werden lassen – dazu ist die Gefahr der Pandemie wie beschrieben nicht anfassbar genug –, aber es hat ihnen ermöglicht, wieder abenteuerlicher zu leben: und sei’s eine halbe Stunde am Tag auf dem Weg zur Arbeit auf dem Brett.

Es ist also wahr: Das gute alte 90er-Jahre-Skateboard ist zurück. Und zwar nicht mehr nur in der Mode, sondern auch als Impfstoff gegen die Begleitumstände der Covid-19-Epoche (und in manchen Fällen die des Älterwerdens). Bleibt zu hoffen, dass das Virus bald verschwindet, und das Surren, Rattern und Klackern trotzdem bleibt.

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Wie ich Quentin Tarantino eine Frage stellen wollte – und nur ein Selfie mit Brad Pitt bekam

Die „Once Upon a Time in Hollywood“-Pressekonferenz in Berlin
Foto: Sebastian Reuter / Sony Pictures Entertainment

Bei der Pressekonferenz zum neuen Kinofilm „Once Upon a Time in Hollywood“.

(Dieser Artikel erschien am 5. August 2019 auf NOIZZ.de)

„Mister Tarantino, welche Berufsbezeichnung passt besser zu Ihnen: Historiker oder Märchenonkel?“ Noch hab‘ ich die Frage nicht gestellt, aber ich habe sie auf der Herrentoilette des Soho House in Berlin zigmal auf Englisch vor mir hergesagt – schließlich sitze ich zusammen mit mehr als 100 Journalisten in der Pressekonferenz des neuen Tarantino-Streifens „Once Upon a Time in Hollywood“ und will mich weder vor den Kollegen noch vor dem Kult-Regisseur blamieren.

Brad Pitt, Leonardo DiCaprio, Margot Robbie und die zwei Co-Produzenten sind auch vor Ort – ich sitze in der dritten Reihe, mich trennen von all den lebenden Legenden nur wenige Meter. Ergo: Mir geht die Pumpe.

Die "Once Upon a Time in Hollywood"-Pressekonferenz im Berliner Soho House
Die „Once Upon a Time in Hollywood“-Pressekonferenz im Berliner Soho House 
Foto: Sebastian Reuter / Sony Pictures Entertainment

Quentin! Brad! Leo! Margot! Klar, dass da Berlin komplett durchdreht. Es kommt ja überraschenderweise gar nicht mal so häufig vor, dass internationale Superstars in der Hauptstadt vorstellig werden. Höchstens bei der Fashion Week oder Berlinale – und da wird man ihrer abseits des Roten Teppichs nicht so richtig habhaft. 

Es verwundert also nicht, dass die Ankunft der maximal prominenten Hollywood-Wesen an der Spree gefeiert wurde, als sei die Sancta Familia höchstselbst via Himmelsleiter zu uns Erdenbürgern hinabgestiegen. „BILD“ veröffentlichte Fotos ihrer Landung am Flughafen Berlin-Schönefeld, wo sie mit zwei Privatmaschinen von London aus gelandet waren – „eine halbe Stunde vor Mitternacht“. Die Detaildichte verweist auf die Bedeutsamkeit des Beschriebenen: „In gut einem Dutzend Limousinen (mit Ingolstädter Kennzeichen) ging es zum Hipster-Hotel Soho House in Prenzlauer Berg. Zwei Security-Mitarbeiter bewachten die Einfahrt zum Hof, um 0.18 Uhr passierte Brad Pitt das Tor.“ Das Bild zu Pitts Introitus lieferte dann die „B.Z.“.

„Es gibt natürlich eine Fragerunde“, sagt am Anfang der Pressekonferenz Steven „Unser Mann in Hollywood“ Gätjen. „Ich versuche, so viele ranzukriegen, wie’s geht.“ Hinter mir sitzt ein Typ mit „Pulp Fiction“-T-Shirt, neben mir ein Redakteur von „Kino.de“. Vor mir hält eine Frau einen Zettel mit einem Dutzend Fragen in der Hand. Eher unwahrscheinlich, dass sie auch nur eine davon stellen können wird. Und ich? Hoffe, dass ich trotzdem rankomme und übe weiterhin meinen Text. „Mister Tarantino … Historiker oder Märchenonkel?“

„Once Upon a Time in Hollywood“ ist Tarantinos neunter Film. Wieder hat er dafür große Namen gewonnen, wieder spielt der Streifen in der Vergangenheit: diesmal im Hollywood der späten 60er. Dort hadert der versoffene Western-Serien-Star Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) mit seiner Karriere. Sein Stuntdouble und Best Buddy Cliff Booth (Brad Pitt) begleitet ihn dabei. Gleichzeitig porträtiert der Film die Hippie-Kommune um den Sektenführer und späteren Massenmörder Charles Manson. 1969 hatte dieser seine Jünger mit Morden beauftragt, denen unter anderem Sharon Tate zum Opfer fiel, die hochschwangere Schauspielerin und Ehefrau von Roman Polański. Genau genommen handelt es sich bei „Once Upon a Time in Hollywood“ um zwei eigenständige Storys, die sich immer wieder berühren und in einem fulminanten Grindhouse-Finale zusammenfinden.

„Es ist Quentins bisher persönlichster Film“, sagt Mit-Produzentin Shannon McIntosh, während die Hälfte der Anwesenden mit ihrem Handy draufhalten. „Es geht viel darum, wie er aufgewachsen ist, um seine Kindheitserinnerungen.“ Wie er in L.A. herumgefahren sei, dabei den Radiosender KHJ gehört und all die Kinos gesehen habe.

Mit-Produzentin Shannon McIntosh und Brad Pitt bei der "Once Upon a Time in Hollywood"-Pressekonferenz in Berlin
Mit-Produzentin Shannon McIntosh und Brad Pitt bei der „Once Upon a Time in Hollywood“-Pressekonferenz in Berlin
Foto: Sebastian Reuter / Sony Pictures Entertainment

Tarantino also auch als Historiker seiner eigenen Geschichte? 

Der Regisseur hat sich zuletzt verschiedenen vergangenen Epochen gewidmet: „Inglourious Basterds“ spielt im Zweiten Weltkrieg, „Django Unchained“ im Zeitalter der US-Sklaverei, „The Hateful Eight“ ein paar Jahre nach dem Sezessionskrieg. Immer ist er dabei mit großer Akribie vorgegangen. 

„Quentin ist ein Purist“, sagt auch Brad Pitt. „Kein CGI, alles mit der Kamera.“ Den Hollywood-Boulevard hätten sie in „Once Upon a Time in Hollywood“ zum Beispiel Stück für Stück abgedreht. Vier Blocks, dann einen Monat später vier weitere. „Sodass wir am Ende die ganze Straße hatten.“ Tarantinos Detailversessenheit lasse einen staunen. In den Schaufenstern lagen beim Dreh Requisiten, die im Film gar nicht zu sehen sind – etwa zeitgenössische Flyer und Bücher.

Und erst die sichtbaren Details: die Autos, die Drinks, die Frisuren, die Kleidung, die möbelartigen Fernsehgeräte, die immer wieder eingeschaltet werden und in jedem Haushalt eine zentrale Rolle spielen – selbst in der Manson-Family. Und natürlich die Musik: von The Mamas & The Papas bis zu Deep Purple. Tarantino ist dabei auch ein Aufklärer, ein gnadenloser Entzauberer. Er zerstört das Postkartenidyll Beverly Hills, verweist auf die Banalität des Sehnsuchtsorts. Manchmal kommt einem die Traumfabrik und ihre Umgebung vor wie die tiefste Provinz, das nächstbeste Dorf, in dem sich ein paar ganz besonders schräge Vögel versammelt haben.

Szene aus "Once Upon a Time in Hollywood": Brad Pitt und Leonardo DiCaprio als Cliff Booth und Rick Dalton
Szene aus „Once Upon a Time in Hollywood“: Brad Pitt und Leonardo DiCaprio als Cliff Booth und Rick Dalton
Foto: Andrew Cooper / Sony Pictures Entertainment

Zwei davon spielen DiCaprio und Pitt – „zwei Recken am Rand von Hollywood“, wie Letzterer es formuliert. Tarantino hat den beiden 60er-Jahre-Antlitze verpasst, die sofort an Paul Newman oder Steve McQueen denken lassen: Männer, denen man ansehen durfte, dass sie schon gelebt hatten – Falten, Narben, Geheimratsecken – und die im Zweifel schon mal in einen Krieg gezogen waren. Bei DiCaprio kommt eine Versoffenheit hinzu, die kaum jemandem in der Branche besser steht als ihm (wie Tokio Hotel mir mal gesteckt hat, ist er ja auch im echten Leben ein ausgesprochenes Feierbiest), sein Kompagnon Pitt versprüht mit jeder Faser Nolens-volens-Randständigkeit. Once upon a time nannte man solche Typen „echte Männer“. 

„Echte Frauen“ gab es auch. Sie trugen weiße Cowboystiefel und Miniröcke sowie schwarze Rollkragenpullover, hatten lange blonde Mähnen und vollführten zielsichere Augenaufschläge. Kameras folgten ihren Beinen, bis etwas dazwischen kam – so jedenfalls rekonstruiert Tarantino die Lebenswirklichkeit von Sharon Tate, jener Schauspielerin, die den 60ern als eine der schönsten Frauen galt. Im Film wird sie von Margot Robbie gespielt. Man kann nur sagen: und wie.

Margot Robbie als Sharon Tate in "Once Upon a Time in Hollywood"
Margot Robbie als Sharon Tate in „Once Upon a Time in Hollywood“
Foto: Andrew Cooper / Sony Pictures Entertainment

Es ist eine schöne und gleichzeitig kaputte Zeit, die Tarantino uns da vor Augen führt. Eine Zeit voller Ungleichheit und Hoffnungen, eine Zeit weit vor der #MeToo-Debatte, in der eine Party in der Playboy Mansion noch als Himmel auf Erden galt. Eine undemokratische Zeit, in der Menschen noch träumten. Eine Zeit, in der man bei Polański noch nicht an Vergewaltigung dachte. Bei Tarantino donnert er, gespielt von Rafal Zawierucha, noch unbeschwert im MG-Roadster über den Cielo Drive. Er trägt ein exzentrisches Mozart-Outfit, seine Frau Sharon Tate ein „Kill Bill“-gelbes Dress. Es waren die Tage vor den brutalen Manson-Morden.

Szene aus "Once Upon a Time in Hollywood": Margot Robbie als Sharon Tate auf einer Party in der Playboy Mansion
Szene aus „Once Upon a Time in Hollywood“: Margot Robbie als Sharon Tate auf einer Party in der Playboy Mansion
Foto: Andrew Cooper / Sony Pictures Entertainment

Steven Gätjen eröffnet die Fragerunde. Er nimmt eine Kollegin von „Spätvorstellung – Das Kinomagazin“ dran. Während sie ihre Frage stellt und Tarantino antwortet, strecke ich durchgehend meinen Finger in die Luft. „Mister Tarantino …“, rattert es in meinem Kopf. Gätjen sieht mich, schaut mir in die Augen, nickt. „Yes!“, denke ich bei mir und wähne mich schon siegessicher. Allein, als Nächstes kommt mein Nachbar ran, der Typ von „Kino.de“. Dasselbe Spiel: Ich melde mich, Gätjen sieht mich, nickt, ich nehme meine Hand runter, ich hoffe – und komme wieder nicht ran. Stattdessen diesmal der „Pulp Fiction“-Fan hinter mir. „Hey, I like your shirt!“, sagt Tarantino, und alle lachen. Außer mir. 

Historiker oder Märchenonkel? 

„Once Upon a Time …“ („Es war einmal …“) verweist einerseits natürlich aufs Märchen. Denn auch wenn Tarantinos Settings historisch sind, schreibt er die Geschichte immer um. Hitler wird ermordet, die Sklaverei abgeschafft. In der Literatur nennt man das Alternativweltgeschichte. Beispiele: Philip Roths „Plot Against America“ und Philip K. Dicks „Man in the High Castle“. Und auch „Once Upon a Time in Hollywood“ – so viel darf verraten werden – schreibt die Historie, wie wir sie kennen, um. (Außerdem erlebt einer der Hauptdarsteller am Ende einen Märchenmoment, den sich Walt Disney höchstselbst nicht besser hätte ausdenken können.)

Aber immerhin ist „Once Upon a Time“ auch eine unmissverständliche Anspielung auf den legendären Italowestern „Once Upon a Time in the West“ („Spiel mir das Lied vom Tod“) von Sergio Leone. Tarantino bekennt sich damit also zumindest zum Filmhistorikertum (was zugegebenermaßen nichts Neues ist.) „Sergio Leone ist der Vater des modernen Films“, sagt er dann auch in der Pressekonferenz. „Wie er Musik benutzte – aber vor allem auch, wie er auf die Musik schnitt. Das hat man vorher nicht gemacht.“ Das Duell am Ende von „Zwei glorreiche Halunken“ sei sein absoluter Lieblings-Film-Moment.

Vorbei. Und ich bin nicht rangekommen. Aber während ich Quentin und Leo und Margot und den beiden Mit-Produzenten noch beim Abhauen hinterherschaue, sehe ich, dass Brad stehengeblieben ist und sich um ihn eine Menschentraube bildet. Ich springe auf, schiebe mich mit Hilfe meiner Ellbogen an unwissenden Kollegen vorbei – und stehe direkt hinter ihm. Er dreht sich weg, will schon gehen, da schmetter‘ ich ihm die stets wirksame Beschwörungsformel der internationalen Selfiejäger-Kaste entgegen: „Mister Pitt, just one picture, please!“

Und die Moral von der Geschicht? Märchen beginnen manchmal mit „Es war einmal in einer Pressekonferenz …“.

„Once Upon a Time in Hollywood“ kommt in Deutschland am 14. August 2019 in die Kinos.

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Über den literarischen Nachlass des Mode-Bloggers Carl Jakob Haupt in der WELT

Die Tagebucheinträge des Berliner „Party-Impresarios“ sind veröffentlicht worden.

Carl Jakob Haupt
Foto: Instagram / carljakob

(Dieser Artikel erschien am 26. Mai 2019 auf NOIZZ.de)

Große literarische Werke streiten sich oft um den besten ersten Satz. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte …“ ist so einer. Oder: „Nennt mich Ismael.“ Wenn es nach ersten Sätzen geht, ist der sogenannte literarische Nachlass des im April mit nur 34 Jahren verstorbenen Mode-Bloggers („Dandy Diary“) Carl Jakob Haupt genau das: große Literatur.

„Im Schnitt sieben Jahre“, heißt es darin zu Anfang – und gemeint sind die Jahre, die einem nach einer solchen Krebsdiagnose noch zu leben bleiben.

„Im Schnitt sieben Jahre“ hat die WELT ihre Veröffentlichung von Carl Jakob Haupts literarischem Nachlass in der Ausgabe vom Samstag, 18. Mai 2019 dann auch betitelt. Ein ganzes Faszikel hat die Tageszeitung dafür freigeräumt. Acht Seiten, in denen es sonst um Neuerscheinungen und Neues aus dem Reich der Literatur geht. (Der berühmte Literaturkritiker Denis Scheck hat darin zum Beispiel eine Klassiker-Kolumne.) Auf der Titelseite jener WELT-Ausgabe prangte Jakobs nackter Torso mit seinen zahlreichen Tattoos.

Dass Carl Jakob Haupt nicht nur irgendein Blogger war, kein gewöhnlicher Abgesandter jener Zunft, die mittlerweile für vieles steht, aber nicht mehr für schreiberische Qualität, ist in den zahlreichen Nachrufen hinlänglich bezeugt worden. (Einmal ganz abgesehen von der Tatsache, dass er viel mehr war als „nur“ ein Blogger – ZEIT-Journalist Moritz von Uslar hat ihn in seinem großen Porträt treffend „Berliner Party-Impresario“ getauft.)

Einer seiner engsten Freunde, der BILD-Chefreporter Paul Ronzheimer, schrieb zum Beispiel über ihn: „Wenn Haupt diese Zeilen, seinen Nachruf lesen könnte, dann würde er jetzt vermutlich den Aufbau des Textes kritisieren. Er konnte besser, weil unverwechselbar, schreiben als andere. Bis zuletzt.“

„Bis zuletzt“ – das ließ darauf hoffen, dass man noch etwas von ihm lesen würde, sodass, selbst wenn er selbst nicht mehr wäre, wenigstens seine Worte noch weiterleben würden. Am Freitag vor einer Woche teaserten dann einige verschiedentlich in die Sonderausgabe der „Literarischen Welt“ Involvierte diese in den sozialen Medien an. Ronzheimer, BILD-Chef Julian Reichelt, WELT-Chef Ulf Poschard und natürlich Giannina Haupt (auf Instagram @gia_escobar), die 25-jährige Witwe von Jakob.

Giannina schrieb auf Instagram: „Morgen erscheint die ‚Literarische WELT‘ mit zehn Seiten von Jakob, über den Krebs und über sein Leben, die er in den vergangenen Jahren geschrieben hat und ursprünglich als Buch veröffentlichen wollte. Es ist wahnsinnig bewegend und gleichzeitig humorvoll geschrieben […]. Wir müssen Jakobs Worte verbreiten.“

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GÄNSEHAUT Als ich zum ersten Mal die Manuskripte gelesen habe, die Jakob uns hinterlassen hat, kamen mir die Tränen. Ich konnte es nicht fassen. Er hat mich einmal mehr überrascht und zutiefst beeindruckt. Ich freue mich so sehr, dass es so vielen Menschen wichtig ist, Jakobs Worte zu lesen. Ich bin so unfassbar stolz auf diesen einzigartigen Mann, der uns alle geprägt hat. Vielen Dank @welt @ulfposh @paulronzheimer für die tolle Zusammenarbeit. Die Texte werden morgen von Der Welt online gestellt. Das ist erst der Anfang.. Danke an das größte,mutigste,stärkste,schlauste und liebevollste Herz, mein Jakob❤️🐺🐺 ich liebe und vermisse dich so sehr #cjhOrganisation

Ein Beitrag geteilt von Giannina Haupt (@gia_escobar) am

Und Ronzheimer postete: „Lieber Jakob, ich glaube, du hast dich von da oben kaputt gelacht, als ich gestern Nacht wie ein Wahnsinniger bei Axel Springer auf die ersten Exemplare der WELT gewartet und alle zwei Minuten gefragt habe: ‚Wann kommen die denn endlich aus der Druckerei?‘ Und du hast ganz sicher zugeschaut, als deine so großartige, so tapfere, so schlaue Ehefrau die Ausgabe das erste Mal in die Hand nahm und vor Freude weinen musste […]. Was für ein begnadeter Schriftsteller du doch warst.“

Man konnte es, ehrlich gesagt, gar nicht glauben. Es war, als hätte jemand Jakobs Auferstehung proklamiert. Und ein bisschen trifft das ja auch zu. (Und wenn man schon mal bei Jesus ist: Auch er hatte eine – allerdings anders gelagerte– Leidensgeschichte und starb mit circa 34 Jahren.)

„Jakob hatte ursprünglich vor, ein Buch zu veröffentlichen“, sagt Ronzheimer, als ich ihn frage, wie das Ganze zustande gekommen sei. „Aber weil er es bis zu seinem Tod nicht mehr geschafft hat, überließ er die Dokumente seiner Ehefrau Giannina, für die sofort klar war, dass das veröffentlicht werden soll.“ Die „Literarische WELT“ sei ihnen als die beste Möglichkeit dafür erschienen.

Jakob wusste, dass Ronzheimer und Giannina sich darum kümmern würden, dass sie alles tun würden, um sein literarisches Erbe bestmöglich zu präsentieren. „Ich denke, er wäre stolz, dass er es sogar auf die Seite 1 der WELT geschafft hat und eine komplette Extra-Ausgabe der ‚Literarischen WELT‘ zustande kam“, sagt Ronzheimer.

Die WELT-Ausgabe war ein Riesen-Erfolg. An vielen Kiosken war sie ausverkauft. Menschen, die jene Tageszeitung vorher nie in der Hand gehalten hatten, besorgten sie sich oder bezahlten digital, um den Text online lesen zu können (Lesedauer: 42 Minuten). Es heißt, es wurde ein Rekord aufgestellt.

Es sind acht wunderschöne Seiten geworden. Acht Seiten, die insbesondere auf Papier ihre magische Wirkung entfalten. Acht Seiten, die Jakob gefallen hätten – dem Printzeitungsleser, dem Ästheten. Wer sein Leben auf Instagram verfolgt hat, weiß, wie sehr er die guten, alten, gedruckten Zeitungserzeugnisse liebte.

Fünf große Fotos, teils über die gesamte Seite: Jakob und Giannina umarmen sich, halten am Tag ihrer Verlobung Händchen, die zwei bei ihrer Hochzeit auf Sizilien. In der Mitte des Zeitungsbuchs eine Collage mit Momentaufnahmen aus Jakobs Leben: Er und sein Kompagnon David Kurt Karl Roth mit ihren „Dandy Diary“-Sneakern von Kangaroos, die beiden im „Dandy Diner“-Outfit, Fotos von „Dandy Diary“-Partys zur Berliner Fashion Week (unter anderem mit Harald Glööckler), er, Paul Ronzheimer und Vitali Klitschko, er und Giannina im Bett verkleidet als John Lennon und Yoko Ono, er und sie in Kalifornien.

Und natürlich Text: zehn Abschnitte, zumeist aus seinem Tagebuch, entstanden zwischen 2002 und 2019 an Orten wie Kassel, Berlin und Mölln. Eine ganze Spalte füllen Notizen.

Wer hofft, dass dies nur ein Ausschnitt war, dass da noch mehr ist und irgendwann das vollständige „Dandy Diary“ erscheint, wird enttäuscht. „Es gibt keine weiteren Texte in der klassischen Tagebuchform“, teilt mir Ronzheimer mit, „allerdings andere Texte von Jakob, die interessant sind.“ Ob und wie daraus ein Buch entstehen könnte, darüber entscheide allein Giannina.

Allein der Anfang: der Augenblick der Diagnose. Als ein Arzt Jakob mitteilt, dass er Krebs hat. Wie die Krankheit in sein Leben kracht, in das geplante Frühstück in der Sonne, in den Alltag. „Während die Menschen um mich herum Kinder bekamen, bekam ich Krebs.“

Jakob und Krebs, das scheint ein Gegensatz. Das wird vor allem deutlich, wenn er seinen Aufenthalt in einer Reha-Klinik in Mölln beschreibt. Die Leute, das Essen, das Zimmer, die Untersuchungen, die Physio – das ist alles so gar nicht seins. Er kann und will sich damit nicht gemein machen. Man spürt, er wehrt sich, schlägt den unannehmlichen Umständen der Krankheit ein Schnippchen, haut ab, ist noch Schelm, ist – trotz allem – noch lustig.

Die Abschnitte, in denen er den Krebs beschreibt, und jene, in denen gefeiert wird, stehen unmittelbar nebeneinander. So muss sich sein Leben angefühlt haben. Im einen Augenblick geht es noch darum, dass „der Krebs […] am Skelett angelangt“; im nächsten findet man sich inmitten der Vorbereitungen für eine Silvester-Sause am Alexanderplatz wieder: „Wir […] luden ein paar Hundert Leute ein und Uwe, der, auf einem Servierwagen rollend, eine Rakete aus dem Arsch in die Menge feuern sollte.“

Die Millenniums-Party zur Fashion Week Berlin im Januar 2018
Die Millenniums-Party zur Fashion Week Berlin im Januar 2018
Foto: Instagram / carljakob

Es ist die oft gehörte aber niemals gelesene Geschichte, wie Jakob und sein Komplize David versuchten, den italienischen „Proll-DJ“ Gigi D’Agostini zu buchen. Unfassbar lustig, unfassbar rasant. Eine Räuberpistole. Thomas Manns „Felix Krull“ im 21. Jahrhundert. Solcherlei Stellen gibt es einige: Sie gewähren einen Blick hinter die Kulissen, machen uns Normalos neidisch, zeigen, wie intensiv Jakob gelebt hat und wie groß der Kontrast zur Krankheit war. Dazu gehört auch die Rückblende auf seine Zeit in einer Kasseler WG, als er sich wegen Geldmangels regelmäßig „ein fades Mahl aus Nudeln und Tomaten“ kochte.

Stilistisch erinnern das Geschriebene an Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“, thematisch an das Krebs-Tagebuch des 2010 verstorbenen Regisseurs und Aktionskünstlers Christoph Schlingensief („So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“). Wie schade, dass ihm keine Zeit mehr blieb, sein Werk zu einem Ende zu bringen.

“Es war mal wieder Fashion Week und ich hatte es mal wieder übertrieben”, schreibt Jakob im Februar 2018 und lässt noch einmal seine eindrucksvolle Party-Routine Revue passieren. Dann ändert sich etwas. Er stoppt das alles – wie er sagt – und hört auf, zu trinken. Man spürt förmlich, wie das Leben aus ihm weicht. Später, Metastasen in den Knochen, Selbstmordgedanken.

Und dann ist da natürlich noch Giannina. Jakobs Hochzeitsrede ist abgedruckt. Darin beschreibt er, wie sie sich kennengelernt „und ganz klassisch sofort verliebt“ hatten. Wie kurz darauf die Diagnose kam, und sie trotzdem mit ihm zusammen sein wollte. Er nennt sie „die Frau, die ich liebe und mit der ich zusammen doch bitte schön alt werden möchte“. Auch die letzten Worte – seine Grabrede, die er vor seinem Tod am 19. April noch selbst verfasst hat – sind abgedruckt und gelten Giannina. „Gia“, wie er sie nennt, hat sie später auf Instagram gepostet.

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Die Liebe meines Lebens, die für immer meine Liebe bleiben wird, mein Herz ist von uns gegangen. Mein Ehemann Carl Jakob Haupt ist Karfreitag in meinen Armen friedlich eingeschlafen. Er hat sich so verabschiedet, wie er es sich gewünscht hat. Nach Wochen des Kampfes gegen den Krebs. Er war in diesem letzten Moment ganz bei mir, bei unserer Liebe. Die Zeit, die wir beide miteinander hatten, war so intensiv, dass Worte sie nicht beschreiben können. Wir haben jeden Tag so miteinander gelebt, als wäre es unser letzter. Wir haben ein Leben geführt, das so von uns geprägt war, dass alles andere egal war. Wir haben bedingungslose Liebe erlebt. Auch wenn Jakob nur 34 Jahre alt geworden ist, hat er so viele Spuren hinterlassen, eine so tolle Familie gehabt, so viele großartige Freunde gefunden, dass er in uns allen weiterleben wird. Er war und ist unser Häuptling. Ich weiß, dass er so viele Menschen verzaubert hat mit seinem unbeschreiblichen Lächeln, seiner Energie und seiner Klugheit. Jakob hat sich trotz der Krankheit nie beklagt. Er hat das Schöne im Leben betrachtet, war furchtlos und hat immer alles in vollen Zügen genossen. Jakob hat sich von nichts und niemandem beeinflussen lassen, sich immer seine eigene Meinung gebildet und war für alle Menschen offen, egal welchen Hintergrund sie hatten. Jakob ist immer bei mir und bei uns. Er schaut jetzt von einem anderen Ort auf uns, wacht über mich und lächelt, weil er weiß, dass wir ihn nie vergessen werden. „Du bist das erste an das ich denke, wenn ich morgens aufwache – und das letzte, woran ich denke, wenn ich einschlafe. Und das, seit wir uns kennen. An jedem Tag. Und so wird es auch jetzt gewesen sein, wenn ich zum letzten Mal eingeschlafen bin.“ (Jakob an mich, April 2019) Unsere Liebe bleibt. Jetzt ist spáter für immer. 🐺🐺❤️🤘🏽

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Wer den Text in der WELT komplett gelesen hat und bei diesen Worten ankommt, der kann nicht anders als zutiefst gerührt sein. Was für eine traurige, tragische Geschichte.

Wenn man irgendetwas Positives darüber sagen kann, dann, dass sie nicht verloren gegangen, sondern von Jakob erzählt worden ist. Und dass daraus in diesem Augenblick eine Organisation entsteht, die Paaren mit demselben Schicksal wie Carl Jakob Haupt und Giannina helfen soll: Paaren, die durch die Krankheit Krebs aus dem Leben gerissen werden.

Wer spenden möchte, kann dies bereits tun – unter DE 374 786 012 505 012 334 00 mit dem Verwendungszweck „Treuhandkonto Carl Jakob Haupt“. Und wer den Text noch lesen will, findet ihn auf WELT.de: Eine große Liebe, ein früher Tod: Wenn ich zum letzten Mal eingeschlafen bin.

Am Ende sind sich wohl alle einig. Paul Ronzheimer: „Wir alle vermissen Jakob jeden Tag. Die Literatur lässt ihn zumindest für einen Moment wieder sprechen.“

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Interview mit Tokio Hotel – über Los Angeles, Partys und Pflaumenkuchen

Tom und Bill Kaulitz von Tokio Hotel
Foto: Shiro Gutzie

(Dieser Artikel erschien erstmals auf NOIZZ.de, 29. April 2019)

Das erste Mal begegnete ich Bill Kaulitz am 2. Februar 2008 – im Spiegel meiner damaligen Freiburger Wohnung. Es war Faschingssamstag, und ich weiß nicht mehr warum, aber ich verkleidete mich als „Tokio-Hotel-Bill“, wie wir, Leila, Sina und ich, den Sänger jener Teenieband nannten, deren Über-Hit „Durch den Monsun“ seit zweieinhalb Jahren halbironisch auf jeder Studierendenparty lief. Wir waren Mitte, Ende Zwanzig, viel zu alt für die vier Jungs, die auf BRAVO-Covern prangten und unsere kleinen Brüder und Schwestern zu Kreischattacken inspirierten.

Mehr wussten wir von Tokio Hotel nicht, und so fiel meine Interpretation von Bill Kaulitz auch denkbar holzschnittartig aus: halb hochtoupierte, halb runtergegelte Haare, schwarz umrandete Augen, schwarze Wimpernverlängerungen, schwarze Träne, schwarze Fingernägel, schwarzes Samtsakko, schwarze schmale Häkelkrawatte, schwarzer Nietengürtel, schwarzes Schweißband mit silberfarbenem Totenkopf.

Heute finde ich, dass ich damals eher so aussah wie eine Mischung aus Heroin-Rocker Pete Doherty und Alex aus „A Clockwork Orange“, vor allem als gegen vier Uhr morgens die Frisur kapitulierte und mich die Bacardi-Cola aus der Rolle fallen ließ.

Zehn Jahre später schaltete ich Arte ein und sah die Doku „Hinter die Welt“. Wahnsinn. Das sind Tokio Hotel? Das ist Bill, in den ich mich einmal versucht hatte zu verwandeln? Die sind ja mittlerweile erwachsen – und immer noch big im Business! Haben drei weitere Alben rausgebracht – 2009, 2014, 2017 –, touren durch Europa und Russland, Nord- und Südamerika, leben zur Hälfte in L.A. und sind zu einem Viertel mit Heidi Klum zusammen. Ich hatte richtig was verpasst.

Ich holte es nach. Ich hörte mir ihre Musik an, ich las Interviews, ich schaute YouTube-Clips. Ich fragte mich: Was macht das mit dir, wenn du in der ostdeutschen Provinz aufwächst, dann auf riesen Bühnen stolperst und plötzlich in Los Angeles lebst – unter der kalifornischen Sonne, am pazifischen Ozean, inmitten von Stars, von Schönen und Reichen? Wie schaust du auf dein altes Leben: War es wert, es aufzugeben? Willst du nicht irgendwann zurück? Wenigstens ins – wenn das Wetter mitspielt – doch auch ganz okaye Berlin?

Als ich die Suite im Grand Hyatt am Potsdamer Platz betrete, ist die Stimmung genauso gut wie damals, als Leila und Sina mich im WG-Badezimmer zu Bill Kaulitz stylten. Auch heute trage ich vollständig Schwarz. Bill hingegen scheint die Emo-Tage von einst hinter sich gelassen zu haben, hat sich die kurzen Haare blondiert und trägt einen knallorangefarbenen Oversize-Pulli von Heron Preston x Carhartt. Tom trägt ein Vintage-T-Shirt von Jean-Charles de Castelbajac mit Speedy-Gonzales-Konterfei. Seine langen Haare und sein Vollbart verleihen ihm die Aura eines Bohemiens.

NOIZZ-Chefredakteur Manuel Lorenz im Gespräch mit Bill und Tom Kaulitz (Foto: Martin Peterdamm)
NOIZZ-Chefredakteur Manuel Lorenz im Gespräch mit Bill und Tom Kaulitz
Foto: Martin Peterdamm

Manuel Lorenz: Bill, Tom, vor neun Jahren seid ihr quasi über Nacht von Hamburg nach Los Angeles geflohen. Was war in Deutschland schlimmer: das Stalkertum oder die Provinzialität?

Bill Kaulitz: Uff … Was war denn schlimmer? Schwer zu sagen …

Tom Kaulitz: Ich glaube, eher das Stalkertum. Als wir damals nach L.A. sind, waren wir 20 Jahre alt, aber eigentlich fast noch wie 15, weil wir zwischen 15 und 20 gar kein selbstständiges Leben hatten. Wir wussten nicht mal, wie man einkauft. Wir waren umgeben von Tourmanagern, sind von Dunkelraum zu Dunkelraum, von einem Veranstaltungsort zum nächsten.

Dann brauchten wir eine Auszeit, wollten anfangen, zu leben. Da ist uns das mit dem Stalkertum überhaupt erst aufgefallen. Wenn die Fans vor der Mercedes-Benz-Arena stehen, ist das ja normal. Aber wenn du mal in den Edeka willst, da fällt’s dir halt auf. Und dann sind sie noch bei uns eingebrochen, wir konnten nicht mehr vor die Tür, nicht mehr Autofahren. Da hat uns die Provinz gar nicht gestört. Wir sind ja sogar noch aufs Land gezogen!

Wo wohnt ihr denn in Los Angeles: Auch eher außerhalb, in der Provinz?

Tom: Nee, in L.A. sind wir ganz schön zentral. Wir wohnen in den Hills, jetzt nicht unbedingt Nachbar neben Nachbar … In den Hills ist das ganz geil, da hast du nicht so richtig Nachbarn, da wird einfach so kreuz und quer gebaut. Man kann ein ganz anderes, zurückgezogenes Leben führen.

Ist das eine Wohnung? Ein Loft?

Bill: Nee, wir haben ein Haus. L.A. ist ein absolutes Haus-Ding. In Berlin gibt’s ja mega geile Wohnungen und Lofts, das gibt es in L.A. nicht. Wenn du da in ein Apartment ziehst, zahlst du 5000 Dollar im Monat und hast so ein kleines Papp-Ding mit so ‘ner kleinen Papp-Tür. Es macht dort keinen Spaß, in Wohnungen zu leben. Wenn ich manchmal bei Leuten zu Hause bin, denke ich: Ist das kacke hier. An eurer Stelle würde ich lieber in ein Haus ziehen. Für mich ist L.A.: Palmen, Wetter, geiles Haus mit Pool. Wenn’s regnet, ist L.A. nämlich hässlich. Da sieht’s nur schön aus, wenn die Sonne scheint und du in deinem geilen Haus bist. Das ist für mich Kalifornien. Das willst du. Und darum wohnen wir auch so (lacht).

Was ist das geilste an eurem Haus?

Tom: Der View.

Bill: Wir sehen die ganze Stadt.

Tom: Manchmal bis zum Meer.

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Bill, kurz bevor ihr nach Los Angeles seid, hast du zusammen mit Wolfgang Joop beim Arte-Format „Durch die Nacht mit …“ mitgemacht. Habt ihr noch Kontakt?

Bill: Ja, der hat mir kürzlich geschrieben! Ich liebe Wolfgang, und ich liebe Edwin (Wolfgang Joops Lebensgefährte, Anm. d. Verf.). Tom und ich sind mittlerweile gut mit ihnen befreundet. Die haben ja auch ein wunderschönes Haus in Potsdam.

Tom: Ja, die wohnen total schön. Da fühlst du dich gleich wie in Südfrankreich.

Bill: Zuerst, wenn du da reinfährst, denkst du: Okay, wo führt die Straße jetzt hin? Und dann geht das Tor auf, und dann kommt schon Edwin. Das fühlt sich so gar nicht nach Deutschland an, das ist eine andere Welt …

Joop hat damals bei Arte gesagt: „Ich finde Los Angeles ja die langweiligste Stadt der Welt …“

Bill: Ja, er hatte auch irgendwie recht.

Tom: Wobei, letzten November waren wir mit den beiden was essen in so ‘nem kleinen Ding auf dem Santa-Monica-Boulevard. Und da haben sie gesagt: „Ihr macht uns Los Angeles wieder schmackhaft!“

Bill: Wolfgang meinte: „Jetzt verstehe ich, warum ihr in Los Angeles wohnt.“ Jetzt überlegen sie, sich dort was Zweites zuzulegen. Es stimmt aber, es ist ein bisschen langweilig. Tom liebt das ja, weil Tom ist …

Tom: … langweilig.

Bill: Nein, das wissen, glaub ich, viele nicht. Tom ist ein totaler Home-Buddy. Der liebt das. Family Life und Zuhausesein und nicht viel rausgehen. Ich bin da anders. Ich lieb’ auch total New York. Da wollt ich mir dieses Jahr auch noch was zulegen, weil ich da mehr Zeit verbringen will. Bei L.A. denk ich manchmal: Ach, ist um zwei Uhr morgens zu Ende, immer alles das Gleiche, ich geh auch immer in dieselben Läden. Es gibt da keine coole Subkultur, keinen neuen geilen Laden, keine Szene. Es ist alles sehr, sehr gleich …

Tom: Wobei, du redest es jetzt aber auch ganz schön schlecht.

Bill: Nein! Oh, Gott! Bloß nicht! Ich liebe das ja gerade!

Bill Kaulitz während des Interviews
Foto: Martin Peterdamm

Tom: Es kommt auch immer drauf an. L.A. ist eine Stadt, wo unglaublich viele interessante Leute vorbeikommen. Es ist jetzt nicht Hamburg.

Bill: Nein, oh, Gott, nein. Ich wohn ja nicht umsonst da. Unbedingt nach Deutschland zurück muss ich nicht.

Tom: Es gibt schon unglaublich geile Hauspartys, wo du auch echt interessante Leute triffst. Aber es ist alles ein bisschen privater. Wenn du als Tourist nach L.A. kommst, bist du ganz schnell enttäuscht. Da gibt’s jetzt keine Partys, wo du in den Club gehst und bis vier Uhr morgens am Feiern bist. Du musst die richtigen Leute kennen, und ein paar coole Szenen gibt’s da schon. Aber für Außenstehende ist es sicher nicht die Party-City.

Wie ist so eine Party? Macht mir mal den Mund wässrig!

Bill: Um 1.45 Uhr ist in L.A. letzte Runde. Ab zwei ist Alkoholverbot. Und noch mal schnell in den Supermarkt eine Flasche Wein kaufen, ist nicht.

Spätis

Tom: … gibt’s nicht.

Bill: Du musst zu Hause vorgesorgt haben, der Kühlschrank muss voll sein, und dann geht’s halt irgendwohin. Ganz oft zu mir nach Hause – bei mir ist eigentlich ständig jedes Wochenende Party.

Tom: Ich wollt grad sagen: Dass du dich beschwerst! Bei dir geht’s jedes Wochenende bis um 8 Uhr morgens!

Tom und Bill Kaulitz
Foto: Martin Peterdamm

Bill: Irgendjemand muss sich ja kümmern, wenn nicht so viel los ist! Bei uns wohnen auch ganz viele andere Bands und spannende Leute um die Ecke, und irgendwo ist immer was los. Und L.A. ist natürlich eine Entertainment-Hochburg. Jeder ist Stylist, Make-up-Artist, Schauspieler, Fashion-Designer. Kreativen macht das schon Spaß. Ich habe gerade zwei junge Regisseure aus Berlin kennengelernt, die kamen jetzt auch nach L.A. und meinten: „Wir wollen jetzt hier herziehen!“ Die finden das total aufregend und toll und denken, …

Tom: Isses ja auch!

Bill: … die Leute sind hier so offen! Und das ist ganz anders als in Berlin! Da ist alles das Gleiche! Und wir wollen jetzt unbedingt …

Tom: Isses ja auch! Das einzige, was die schnell feststellen werden: Am Anfang finden sie’s unglaublich aufregend und denken so: Wow! Hier passiert so viel!

Bill: Die Türen sind offen!

Tom: Aber die Türen scheinen nur offen. Die sind nicht wirklich offen.

Bill: Nur weil die sagen, die treffen dich morgen, heißt das nicht, dass das Meeting stattfindet.

Tom: Wenn du das zweite Meeting geschafft hast, ist’s gut.

Wer schmeißt die spektakulärsten Partys?

Bill: Hugh Hefners Playboy-Partys waren immer sehr gut, aber das ist ja seit seinem Tod vorbei.

Tom: Auf jeder guten Party triffst du Leonardo DiCaprio. Der ist immer überall bis zum Schluss.

Bill: Nee, der schmeißt auch selbst gute Partys. Letztes Jahr war ich zum Independence Day in seinem Haus in Malibu. Das ist immer witzig. Irgendwann wird oben ohne Volleyball gespielt.

Tom: Leo ist auch bei Coachella immer der Letzte (beide lachen).

Bill Kaulitz und NOIZZ-Chefredakteur Manuel Lorenz
Foto: Martin Peterdamm

In Berlin seid ihr aber auch regelmäßig. Bill, wie stehst du zum hiesigen Nachtleben?

Bill: Ich liebe Berlin. Ich hab hier total viele Freunde.

Wo gehst du am liebsten aus?

Bill: Ich liebe das Berghain, ich geh’ ständig ins Kater, und ansonsten die typischen Restaurants: Grill Royal, Paris Bar … Da fangen meine Abende normalerweise auch immer an.

Drehen die Leute sich hier nach euch um? In Berlin tut ja jeder so, als sei er selbst der Star.

Tom: Ja, das ist das Schöne an Berlin.

Bill: Im Berghain ist es zum Glück zu dunkel.

Tom: Außerdem, wenn du deine Latexmaske trägst und die Arschbacken hinten raus, dann erkennt man dich sowieso nicht (alle lachen)!

Bill: Ich versuche, so wenig wie möglich zwischen den Läden herumzulaufen. Manchmal, wenn man’s trotzdem macht, grölen einem schon mal ein paar Leute hinterher …

Tom (mit verstellter Stimme): … „Hey! Bill Kaulitz!“

Bill: Aber es geht eigentlich. Berlin ist immer noch mit am entspanntesten. Wir dürfen uns nie zu lange an einem Ort aufhalten. Sonst spricht sich das rum, und es bildet sich irgendwo so ‘ne kleine Traube.

Tom Kaulitz 
Foto: Martin Peterdamm

Los Angeles, Berlin … Wie oft vermisst ihr die Erdigkeit des Magdeburger Umlands?

Tom: Nie. Vom Magdeburger Umland bin ich kein so Riesen-Fan. Ich will da aber auch nicht schon wieder drauf rumreiten.

Bill: Nein, ich mach da ja kein Geheimnis draus: Das ist gar nicht meine Szene.

Tom: Nee.

Bill: Aber Georg und Gustavs Szene.

Tom: Ja!

Ihr habt euch das in der Band untereinander aufgeteilt.

Bill: Ja, die finden das immer noch gut da. Tom und ich sind da ehrlich gesagt nie. Wir schauen da eigentlich nur vorbei, wenn unser Reisepass abläuft.

Und trotzdem heißt dein Mode-Label „Magdeburg-Los Angeles“.

Bill: Für mich war das anfangs eher ein Witz. Irgendwann stand einmal am Flughafen neben mir eine Frau mit einer Tasche, auf der „Magdeburg“ stand. Ich dachte: Das ist so geil assi! Das ist so verfotzt, irgendwie muss ich das aufgreifen. Eigentlich hab ich’s also geklaut von einem Magdeburger Werbe-Artikel. Und es stimmt ja auch: Zwei von uns sind in Magdeburg – unser Drummer baut sich da gerade ein Haus –, und wir beide sind in L.A. Das hat uns geprägt und zu dem gemacht, was wir heute sind.

Bill Kaulitz in einer Bomberjacke des Tokio-Hotel-Labels „Magdeburg-Los Angeles“
Foto: Zeugs! GmbH

Könntet ihr euch vorstellen, mal nach Berlin zu ziehen?

Bill: Total. Wir haben hier sogar schon nach einer Immobilie gesucht, dann aber nichts gefunden.

Tom: Eigentlich hatten wir was Geiles gefunden, aber das stand unter Denkmalschutz. Da musst du unglaublich viele Auflagen einhalten. Das war mir zu heikel.

Bill: So ein Zweit-Ding hätt’ ich schon gern in Berlin. Im Sommer ist es hier so schön. Aber ich mag’s auch, in L.A. zu wohnen. Man hat Abstand von den ganzen Presse-Sachen, muss sich damit nicht den ganzen Tag beschäftigen. Auch wenn wir jetzt in Berlin sind, hier arbeiten, ausgehen. Es ist schön, dass wir dann auch wieder wegfliegen können. In L.A. atmet man wieder durch.

Wie überlebt ihr in Los Angeles eigentlich ohne den Pflaumenkuchen eurer Oma, den ihr bekanntlich abgöttisch liebt?

Tom: Was Backwaren und Süßigkeiten angeht, ist L.A. scheiße.

Bill: Wir haben überlegt, eine deutsche Bäckerei zu eröffnen, weil wir glauben, dass das total gut funktionieren könnte, und wir haben …

Tom: Nee, warte mal! Lass uns jetzt mal einen richtigen Aufruf machen! Wenn es einen deutschen Bäcker gibt, der Bock hat, mit uns in L.A. ein Geschäft aufzuziehen, der soll sich per Direct Message auf Instagram bei Bill melden.

Bill: Ja, so einen richtig guten deutschen Bäcker! Oder wir könnten am Anfang unsere Oma rüberfliegen, damit die das denen erst einmal beibringt.

Tom: Der Trick ist auch, du musst die Zutaten einfliegen. Das fängt schon beim Mehl an.

Bill: Damit das genau gleich schmeckt, müssen wir alle Zutaten aus Deutschland holen.

Wie soll die Bäckerei heißen?

Tom: „Bäckerei Kaulitz“ würd’ ich sie einfach nennen (alle lachen laut).

Bill: „Backstübchen“ fänd’ ich auch ganz süß. Mit so ‘nem Ü, so in L.A. …

Tom: „Billies Backstübchen“!

Bill: „Billies Backstübchen“! Ja!

Bill Kaulitz
Foto: Martin Peterdamm

Eine letzte Frage zu Magdeburg: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr als Rentner dann doch wieder dorthin zurückkehrt?

Bill: Zero.

Tom: Ja, die ist gering. Also, nicht falsch verstehen: Ich hab’ tierisch Bock aufs Rentnerdasein, darauf freu’ ich mich schon die ganze Zeit!

Bill: Siehste, sag’ ich ja: Der ist sooo langweilig!

Tom: Aber nicht in Magdeburg.

Wo sonst? 

Tom: Ich glaub’, ich will auf einem Boot wohnen, weil du dich dann nicht entscheiden musst. Und dann einfach ein bisschen in Italien und Frankreich rumschippern.

Bill: Ja. Ja.

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Zum Tod von „Dandy Diary“-Macher Carl Jakob Haupt

Er starb mit 34 Jahren.

Carl Jakob Haupt
Foto: Instagram / carljakob

(Dieser Artikel erschien am 24. April 2019 auf NOIZZ.de)

Wenn wir ehrlich sind, wussten wir nie so richtig, was wir mit ihm anfangen sollten. War er Party? War er Fashion? War er DJ? War er Blogger? Er war uns einfach viel zu viel gleichzeitig, überraschte uns ein ums andere Mal – mal mit Niveau, mal mit Camp. Man konnte es zuvor nie wissen. Gewiss war nur: Es wird geredet werden.

Jetzt hat er uns wieder überrascht. Und wieder reden wir über ihn – auch wenn der Anlass ein trauriger ist und nicht etwa die Eröffnung eines weiteren veganen Fastfood-Ladens wie sein schweinchenrosanes „Dandy Diner“ oder eine weitere ultratrashige Motto-Party zur inoffiziellen Eröffnung der Berlin Fashion Week.

Wer ihn nur von Instagram kannte, ahnte wohl kaum, dass Carl Jakob Haupt mit 31 Jahren an Krebs erkrankt war. Jetzt, im Alter von 34 Jahren, ist er dieser Krankheit erlegen. Er starb am Morgen des Karfreitags in einer buddhistischen Klinik in Bad Saarow im Beisein seiner Ehefrau, der 25-jährigen Giannina alias Gia Escobar, die er erst letztes Jahr geheiratet hatte, und seiner Freunde.

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Die Liebe meines Lebens, die für immer meine Liebe bleiben wird, mein Herz ist von uns gegangen. Mein Ehemann Carl Jakob Haupt ist Karfreitag in meinen Armen friedlich eingeschlafen. Er hat sich so verabschiedet, wie er es sich gewünscht hat. Nach Wochen des Kampfes gegen den Krebs. Er war in diesem letzten Moment ganz bei mir, bei unserer Liebe. Die Zeit, die wir beide miteinander hatten, war so intensiv, dass Worte sie nicht beschreiben können. Wir haben jeden Tag so miteinander gelebt, als wäre es unser letzter. Wir haben ein Leben geführt, das so von uns geprägt war, dass alles andere egal war. Wir haben bedingungslose Liebe erlebt. Auch wenn Jakob nur 34 Jahre alt geworden ist, hat er so viele Spuren hinterlassen, eine so tolle Familie gehabt, so viele großartige Freunde gefunden, dass er in uns allen weiterleben wird. Er war und ist unser Häuptling. Ich weiß, dass er so viele Menschen verzaubert hat mit seinem unbeschreiblichen Lächeln, seiner Energie und seiner Klugheit. Jakob hat sich trotz der Krankheit nie beklagt. Er hat das Schöne im Leben betrachtet, war furchtlos und hat immer alles in vollen Zügen genossen. Jakob hat sich von nichts und niemandem beeinflussen lassen, sich immer seine eigene Meinung gebildet und war für alle Menschen offen, egal welchen Hintergrund sie hatten. Jakob ist immer bei mir und bei uns. Er schaut jetzt von einem anderen Ort auf uns, wacht über mich und lächelt, weil er weiß, dass wir ihn nie vergessen werden. „Du bist das erste an das ich denke, wenn ich morgens aufwache – und das letzte, woran ich denke, wenn ich einschlafe. Und das, seit wir uns kennen. An jedem Tag. Und so wird es auch jetzt gewesen sein, wenn ich zum letzten Mal eingeschlafen bin.“ (Jakob an mich, April 2019) Unsere Liebe bleibt. Jetzt ist spáter für immer. 🐺🐺❤️🤘🏽

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Carl Jakob Haupt wurde 1984 in Kassel geboren, wuchs dort in einem protestantischen Pfarrer-Elternhaus auf, studierte Politikwissenschaft, ging zuerst nach Hamburg, dann nach Berlin und stieß 2010 zum Männer-Fashion-Blog „Dandy Diary“ hinzu, den sein Schulfreund David Kurt Karl Roth ein Jahr zuvor gegründet hatte. Seitdem mischten die beiden nicht nur die Modewelt ordentlich auf – mit Aktionen, die YouTuber „Pranks“ nennen würden und die sich an Performance- und Konzeptkunst orientierten –, sondern schrieben vor allem auch gegen Trends und Marken an, die in ihren Augen nicht authentisch waren. Außerdem schmissen sie zu jeder Berlin Fashion Week die inoffizielle Eröffnungsparty – berühmt, verschrien, berüchtigt.

Ich bat Jakob jedes Mal erneut, ob er NOIZZ nicht großzügig auf die Gästeliste setzen könne – manchmal gleich mit einer Handvoll Redakteuren. Immer antwortete er schnell und entspannt, obwohl er – meine Anfragen kamen immer recht spontan – gerade in maximalem Stress gewesen sein muss. Einmal ging nur eine Praktikantin hin. Sie war von dem Abend so geschockt, dass kein Text zustande kam, der veröffentlichbar war. Das Prinzip Carl Jakob funktionierte also selbst in unserer „Been there, done that“-Gesellschaft noch. Schocken. Ekeln. Faszinieren. Sichergehen, Stadtgespräch zu sein. Und das in Berlin, nicht in Hintertupfingen.

Auf NOIZZ.de schrieb er 2017, im Jahr des Levi’s-Logo-Shirts, eine Verteidigung desselbigen, nachdem ich lautstark gefordert hatte, endlich ein Ende mit dem Kleidungsstück zu machen. Er war nie um eine Meinung verlegen – vor allem nicht um eine unbeliebte.

Zuletzt war auf Instagram zu sehen, welch großes Spektrum Carl Jakob Haupt abdeckte. Im Februar erschien er auf einem Event am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz. Die Gästeliste las sich wie der feuchte Traum eines jeden Politikjournalisten: US-Vize-Präsident Mike Pence, Trump-Tochter Ivanka, Vitali Klitschko, Jens Spahn, Markus Söder, Alexander Dobrindt, der VW- und der Daimler-Chef. Dazu noch die mediale Elite: Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner und BILD-Chefredakteur Julian Reichelt – und mittendrinnen, ganz selbstverständlich, der provokante Modeblogger und „Party-Impresario“, wie ihn der mit ihm befreundete ZEIT-Reporter Moritz von Uslar in seinem großen Porträt 2016 so schön und treffend genannt hatte.

Auf den zwei Fotos, die Jakob von jener Veranstaltung auf seinem Instagram teilte, sieht er nicht so aus, als ob er sich unwohl fühle, als ob er nicht da hingehöre, sich mit der hohen Politik, der Wirtschaft nichts zu sagen habe. Auf dem einen schlägt er mit Jens Spahn ein, auf dem anderen – es ist etwas unscharf – steht er neben Ivanka Trump. Er bestand und bestach auch in solchen Runden. Um im nächsten Augenblick am DJ-Pult die Feiermasse mit seinem – Zitat Carl Jakob Haupt – „mediokren Musikgeschmack“ zur nächsten Eskalationsstufe zu bringen.

Auch wenn das für jeden Menschen gelten mag: So einen wie Jakob gib’s kein zweites Mal. Wir werden merken, dass er fehlt.

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Disney wollte, dass ich „Chaos im Netz“ synchronisiere – ich scheiterte an einem Räusperer

Im neuen Kinofilm „Chaos im Netz“ könnt ihr mich ab jetzt trotzdem hören.

Randale-Ralph sieht in dieser Szene so aus wie ich im Synchronstudio in Berlin
Foto: Walt Disney Studios

(Dieser Artikel erschien am 23. Januar 2019 auf NOIZZ.de)

Nennt mich spießig, aber ich bin kein Trickfilm-Fan. Klar habe ich als Kind und Jugendlicher von Disneys Dschungelbuch über Toy Story hin zu Serien wie Looney Tunes und Simpsons alles geschaut, was im Fernseher so lief. Aber als ich mein Abi-Zeugnis in den Händen hielt, dachte ich: Jetzt bin ich erwachsen. Und dazu gehörte für mich, keine Basecaps mehr zu tragen – und keine Trickfilme mehr zu schauen.

(Ja, ich kenne Jesu Worte, dass wir nicht ins Himmelreich kommen, wenn wir nicht so werden wie die Kinder. Aber erstens sind die Höllenbewohner eh viel spannender; und zweitens steht genauso in der Bibel, dass alles seine Zeit hat. Und für mich war die Zeit der Basecaps und Trickfilme eben meine Kindheit und Jugend. Ausnahmen bestätigen die Regel …)

Natürlich bin ich trotz meiner Trickfilm-Aversion weich geworden wie Pu der Bär, als Disney mich per E-Mail fragte, ob ich in der deutschen Fassung des Animationsfilms Chaos im Netz mitmachen will – zusammen mit anderen Journalisten als Synchronstimme in ein paar Gruppenszenen. Ich fand den Titel doof, wusste vom Vorgänger nichts (Ralph reichts – ja, ohne Apostroph), fühlte mich aber dermaßen geschmeichelt, ausgewählt worden zu sein, dass ich prompt zusagte.

(Ehrlich gesagt träumte ich sofort von einer Synchronsprechkarriere, vergaß augenblicklich das Wort „Gruppenszenen“, malte mir aus, wie ich vors Mikrofon treten und glorreich brillieren würde. Ich dachte, mein Augenblick sei endlich gekommen.)

Ich recherchierte. Ralph reichts, der Vorgänger von Chaos im Netz, klang eigentlich nach einem coolen Film. Es geht darin um die Videospielfigur Randale-Ralph, einen Bösewicht aus dem fiktiven 8-Bit-Arcade-Game Fix-It Felix Jr. Er erlebt Abenteuer in allerlei Computerspielen, trifft Prinzessin Vanellope und … wenn der Arcade-Automat nicht kaputt gegangen ist, dann leben sie dort wohl noch heute. Also irgendwie so was wie alle Nintendo-Spiele einmal in den Thermomix und Animationssoße drüber. Das catchte mich als alten Konsolen-Jockey, der ich als Teenie war, natürlich instantly.

In Chaos im Netz kriegt der Arcade-Automat, in dem Randale-Ralph und Vanellope leben, Internet-Anschluss, was für die beiden dasselbe bedeutet wie für Nordkoreaner ein Around-the-World-Ticket. Sprich: Explosive Horizonterweiterung. Amazon, Google, Dropbox und Co. (Im Film heißen die Online-Riesen Amazing, Gügle, Bunkbox et cetera.) Die beiden treffen aufs halbe Disneyland – und da mittlerweile fast alles zu Disney gehört, treffen sie auf so gut wie alles: auf Marvel-Superhelden, Star-Wars-Figuren und – eine der lustigsten Stellen des Films – insgesamt 13 Prinzessinnen.

Das alles sollte ich jetzt also synchronisieren.

Denn: Während ich vor mich hin recherchierte, vergaß ich gänzlich, dass es bei der Synchronisierung immer noch um Gruppenszenen ging. In meiner Wahrnehmung war ich schon zum einzigen Synchronsprecher des gesamten Films avanciert.

Ein Monat später im ehrwürdigen Tonstudio Film & Fernseh Synchron im alten West-Berlin. Hier werden ständig große Filme verdeutscht – aktuell zum Beispiel Creed II und Glass. Im Studio C angekommen, merke ich schnell, dass ich nicht alleine bin. Mehr als ein Dutzend weitere Kollegen sind zu dem Termin gekommen. Ein Potpourri der Medienmarken. Pro7 ist da, der RBB, die Nerd-Plattform IGN, Microsoft News, ein YouTuber – und ich.

Ich (rechts) mit Journalisten-Kollegen von IGN und Microsoft News
Ich (rechts) mit Journalisten-Kollegen von IGN und Microsoft News

Bevor es losgeht, erklärt der Regisseur, welche Wörter wir nicht benutzen dürfen: „Gott“, „Teufel“, „Scheiße, „Fuck“. Chaos im Netz ist nämlich ja eine US-Produktion. Und das Land, das Anstoß nimmt an Nippeln antiker Statuen, findet es natürlich eher unlustig, wenn in einem potentiellen Kinderfilm getrashtalkt wird wie auf der Rütli-Schule. Wobei klassisches Fluchen – wie sich zeigen wird – für uns das geringste Problem darstellt. Die größere Herausforderung ist es, auch nur einen einzigen Take aufzunehmen, ohne dass irgendwem ein „Oh, Gott!“ rausrutscht.

Aber der Reihe nach.

Wir werden in zwei Sechser-Gruppen aufgeteilt – immer Frauen und Männer gemischt. Dann wird uns die Szene erklärt, die es zu synchronisieren gilt, sie wird uns auf dem Flatscreen gezeigt, und schon geht’s los. Was für uns bedeutet: improvisieren! Denn Text existiert für die Gruppenszenen nicht.

Wow! Meistens fällt mir nichts wirklich Gutes ein – ganz im Gegensatz zu meinen Kollegen, die nebenberuflich offenbar an Impro-Theatern angestellt sind. Vor allem der YouTuber ist mega kreativ. Und: Er hat die perfekte Trickfilm-Stimme. Kindisch, überdreht … Er macht das verdammt gut. Besser als ich. Ich bin neidisch. Ich hasse ihn. Mein Traum von der Synchronsprech-Karriere weicht langsam aber sicher der harten Wirklichkeit.

Der Regisseur sagt: „Jetzt passiert gleich etwas Großes. Ihr fragt euch, was es wohl sein könnte.“ Ich ringe nach Worten. In meinem Kopf herrscht Leere. In einer anderen Szene imitieren wir Torjubel. „Jaaaaaaa!“ Selbst das scheint mir nicht so recht zu gelingen. Zum Glück bemerkt niemand meine Unfähigkeit.

So sehen unsere Gruppenaufnahmen aus – ich (vorne links) mache gute Miene zum bösen Spiel
So sehen unsere Gruppenaufnahmen aus – ich (vorne links) mache gute Miene zum bösen Spiel

Pause. Vor dem Studio C der FFS sitzt ein Profi-Synchronsprecher. Er wartet darauf, dass er rankommt. Für welchen Film, verrät er nicht. Er sieht aus wie Mike Ehrmantraut aus Breaking Bad und hat eine göttlich verruchte Stimme. Wir fragen ihn aus. Wir sind leicht zu beeindrucken. Er muss nur zwei TV-Serien nennen, in dem seine Stimme zu hören ist – Game of Thrones und House of Cards –, und schon sind wir alle aus dem Häuschen.

Und dann dürfen wir doch noch eine Einzelszene einsprechen. Wobei das Wort „Einzel“ schon darauf hinweist, dass von „wir“ nicht die Rede sein kann. Der Regisseur spricht die Männer an: „Wer will?“ Ich! Ich! Endlich! Die Chance! Aber der YouTuber ist schneller, ist lauter, sagt mit seiner Trickfilm-Stimme „Ich!“ und steht schon vor dem Mikrofon. Es geht darum, peinlich berührt zu hüsteln, und zwar in Form eines Trippel-Räusperers. Er probiert es einmal, er probiert es zweimal, aber punktet mit seinem Räusperer nicht. Ich triumphiere. Lauere. Bin wieder zu langsam. Ein anderer Typ ist vor mir dran. Aber auch er enttäuscht den Regisseur.

Jetzt ich. Jetzt ist mein Augenblick gekommen. Ich hab früher in Bands gesungen, ich hab eine gute Stimme, weiß es, bin vor dem Mikro, vor Publikum, sicher. Ich werde den Räusperer des Jahrhunderts produzieren. So einen Räusperer hat die Welt noch nicht gehört.

Hier geht's gleich um alles
Hier geht’s gleich um alles

Alles ist plötzlich mucksmäuschenstill. Es ist, als ob alle Hoffnung auf mir liegt, als ob mit meinem Räuspern der Trickfilm steht und fällt. Mein Puls geht schneller, ich werde nervös. Wie albern. Hier geht’s doch um nichts. Oder doch?

Der erste Versuch ist ein Rohrkrepierer. Er verheddert sich zwischen Rachen und Gaumen. „Okay, noch mal“, sag ich nonchalant. Jetzt weiß ich, wie’s geht. Jetzt wird’s funktionieren.

Der zweite Versuch – ich hüstel perfekt. Ich merk’s schon, während ich Rachen-Gas geb‘. Yes! Treffer! Was für ein Gefühl. Wie ein gestandener 360 Kickflip. „Genau so! Aber wir waren noch nicht live“, sagt der Regisseur, und ich sterbe innerlich. Scheiße. Den Anpfiff nicht abgewartet. Mein Fehler. Ob ich das noch mal hinbekomm’?

Der letzte Versuch. Ich fühle mich wie Bastian Schweinsteiger beim Champions-League-Finale 2012. Wenn mein Elfmeter reingeht, geht’s weiter. Wenn nicht, haben wir alle verloren. Ich denke mir: Einfachnicht nachdenken.

Natürlich verkack’ ich’s. Wie lächerlich. Und futsch ist meine Synchronsprech-Karriere.

Den Film schau ich mir trotzdem an. Eine Szene ist mir nämlich dennoch gelungen. Es ist abends, die Videospielfiguren gehen nachhause. Stimmengewirr. „Wartet auf mich!“, fleht eine von ihnen. Es klingt gut, wie ein „Wartet auf mich!“ zu klingen hat. Falls ihr euch Chaos im Netz anschaut und in einer Gruppenszene ein „Wartet auf mich!“ hört: Das „Wartet auf mich!“ bin tatsächlich ich. 

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Ich habe den echten Chewbacca interviewt!

Es geht um seine Freundschaft mit Han Solo, seine Frau Malla und seinen Sohn Waroo:

Links: Manuel Lorenz; rechts: Chewbacca
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„4 Blocks“-Tour mit Massiv – Folge 1: Wer braucht so viele Shisha-Bars?

Ich war mit dem Rapper unterwegs auf der Sonnenallee.

Massiv auf der Sonnenallee: Hier ist der Rapper nur, wenn für „4 Blocks“ gedreht wird – sein Zuhause ist nämlich der Wedding

(Dieser Artikel erschien am 22. Januar 2018 auf NOIZZ.de)

Plötzlich hab ich seinen Autoschlüssel in der Hand. „Roter Audi, steht da vorne“, sagt Massiv und zeigt Richtung Karstadt. Fünf Worte, die alles enthalten, wofür der Straßenrapper steht: direkte, ratternde Punchlines, ein unverwechselbares rrrollendes R, die Mi-casa-es-tu-casa-Selbstverständlichkeit eines Sohns palästinensischer Flüchtlinge, die Bling-Bling-Affinität eines Musikers, der es in Deutschland geschafft hat.

Denn auch wenn Wasim Taha, wie Massiv mit bürgerlichem Namen heißt, nicht der Größte im Rap-Game ist und Kollegen wie Kollegah oder Bonez MC an ihm vorbeigezogen sind, kennt ihn jeder, der vom Business Ahnung hat – und spätestens seit er letztes Jahr in der Kultserie „4 Blocks“ Latif gespielt hat, den Schwager von Clan-Chef Toni Hamady, weiß man auch darüber hinaus, dass es ihn gibt.

Dieser glattrasierte Schädel reflektiert das arabische Berlin um uns rum

Ich überquere den Hermannplatz, geh über die Ampel, sehe Massivs feuerroten Audi. Ich denke: „Ich könnte mich jetzt einfach auch in die Karre setzen und ’ne Spritztour drehen!“ Mache ich natürlich nicht. Stattdessen schließ ich auf und lege meine Tasche auf den Beifahrersitz.

Ich schaue aufs Handy, eine Mail von Arndt, der Promo für die Serie macht: „Hallo Manuel, Almilas Management hat mich gerade angerufen. Sie hat einen Infekt und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden.“ Mist.

Wäre auch zu perfekt gewesen: Zusammen mit dem „4 Blocks“-Problem-Ehepaar Almila Bağrıaçık und Massiv ein Doppelinterview auf der Sonnenallee führen. Dann im Taxi weiterquatschen und zum Baklava-Laden „El Salam“ fahren, wo die türkische Schauspielerin in der Serie als Amara Hamady arbeitet. Dort großes Finale mit Çai-Umtrunk und Baklava-Gelage.

Aber zum Glück stellt sich Massiv als der perfekte Gesprächspartner raus, erklärt mir die „Arabische Straße“, gibt freimütig Auskunft über die kriminellen Machenschaften von Araber-Clans in Berlin und richtet einen flammenden Appell an alle deutschen Serienproduzenten: „Hört endlich auf mit dem ,GZSZ‘-Shit!“

Als ich am Ende meine Tasche aus seinem roten Audi hole, parke ich dort eine Tüte Baklava zwischen, die ich dem NOIZZ-Team mitbringen möchte. Ich will noch schnell ein Selfie machen mit jenem geduldigen Gutgelaunten, dessen glattrasierter Schädel das arabische Berlin um uns rum reflektiert. Es windet, es ist bitterkalt, aber Massiv lässt mich über ihn ergehen.

„So, jetzt muss ich aber wirklich mal los. Termin“, sagt Massiv und rollt dabei das R wieder so schön, dass ich mich fast im Libanon wähne.

Massiv fährt los, und ich denke an mein Baklava auf seinem Beifahrersitz. Dabei ist er doch – Zitat – „gar kein Fan davon“! Er wird es mit seinen Brüdern teilen. Wallah, Wasim, bis demnächst in „4 Blocks 2“.

Das erste Video meiner dreiteiligen „4 Blocks“-Tour mit Massiv
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Mark Hamill im Interview – über „Star Wars“, Action-Figuren und den Joker

Mark Hamill als Luke Skywalker im neuen „Star Wars“-Film „Die letzten Jedi“
Foto: Disney

(Dieser Artikel erschien am 22. Dezember 2017 auf NOIZZ.de)

Manuel Lorenz: Herr Hamill, zur Zeit rennen alle in die Kinos, um „Star Wars: „Die letzten Jedi“ zu schauen. Sie spielen wieder Luke Skywalker – jene Figur, die Sie vor 40 Jahren über Nacht weltberühmt gemacht hat. Meine ersten persönlichen „Star Wars“-Erinnerungen sind nicht die Filme, sondern das Spielzeug. Als Kind besaßen meine Schwester und ich nämlich ein paar Action-Figuren – einen Ewok, einen Han Solo im Schneeanzug und ein Wampa, das kaputt ging, weil wir damit gebadet haben. Wie viele Luke Skywalkers haben Sie zuhause? Oder spielen Sie lieber mit Chewbacca?

Mark Hamill: Ich sammle kein „Star Wars“, aber mein Sohn Nathan. Er wurde geboren, als wir gerade „Das Imperium schlägt zurück“ gedreht haben. Bei „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ war er also ein Kleinkind – und ein großer „Star Wars“-Fan! Also hab ich George (Lucas) gefragt: „Kannst du mich auf eine Liste packen, sodass ich all diese Merch-Artikel krieg?“ Ich dachte an ein T-Shirt und an die Filmmusik. Ich ahnte nicht, dass ich schon bald eine elektrische Zahnbürste werden würde und Superhelden-Unterwäsche und ein Schlafsack und all der Quatsch. Aber ich liebe all das!

Ich weiß noch, wie ich zu Harrison (Ford) sagte: „Schau mal, mein Gesicht ist auf einem C3PO-Müsli! Du kannst es ausschneiden und tragen!“ – „Whatever …“ Ihm war das egal.

Und Ihr Sohn Nathan?

Hamill: Er war noch ein Baby, als die Boxen ankamen – große Kartons mit der Aufschrift „Kenner“ (Anm. d. Verf.: die Firma, die die „Star Wars“-Figuren herstellte). Er konnte also „Mommy“ sagen und „like“, aber – ich schwöre bei Gott! – sein drittes Wort war „Kenner“! Wir haben die Kartons dann natürlich geöffnet. Und ich weiß, dass sie viel wert gewesen wären, wenn ich sie zehn, fünfzehn Jahre lang auf dem Dachboden verstaut hätte. Aber was für ein Vater wär‘ ich gewesen, wenn ich gesagt hätte: „Nein, lass sie uns für deine Studiengebühren wegpacken!“

Heute schaut er in die Sammlerkataloge und sagt: „Original verpackt ist Prinzessin Leia 1400 Dollar wert. Warum hast du mir erlaubt, ihr einen Sinéad-O’Connor-Haarschnitt zu verpassen?!“ Und ich: „Das war doch deine Idee! Als erstes hast du ihr die Haare geöffnet …“, deshalb ist sie nämlich so wertvoll: Wenn man ihr einmal die Schnecken-Frisur löst, kriegt man sie nie wieder zusammen. Nathan trimmte ihr also die Haare, machte ihr zunächst einen Shag, dann eine Dorothy-Hamill-Frisur, und ziemlich bald hatte sie eine Glatze.

Worauf sind Sie selbst als Kind abgefahren?

Hamill: Die Beatles waren mein „Star Wars“. Ich war elf, ich liebte ihre Musik, und sie waren so lustig – so exotisch! Ich kam nicht dahinter, was für einen Akzent sie hatten. Ich hätte sie zwar nicht gestalkt oder ihnen vor ihrem Haus aufgelauert, aber ich wollte alles über sie wissen. Sie faszinierten mich auch jenseits der Musik. Ich kann den obsessiven Charakter von Fantum also nachvollziehen.

Für „Star Wars“-Fans haben Sie die Abkürzung UPFs erfunden: Ultra Passionate Fans (Super leidenschaftliche Fans).

Hamill: Ja, die können sehr überschwänglich sein. Ich merke das im Alltag ja nicht. Mein Haus steckt nicht voller „Star Wars“-Kram. Man würde nicht glauben, dass ich irgendwas mit diesen Filmen zu tun hab. Und dann bist du auf einer dieser Conventions und trittst vor 2000 Leuten auf. Oh my Gosh. Ein Satz, den du dort vermeiden solltest: „Es ist nur ein Film.“ OH MY GOD! Als hätte ich auf den Papst gespuckt! Die Leute schrien laut auf vor Empörung! Und ich: „Beruhigt euch! Wisst ihr denn nicht, wen ich gerade zitiert habe?“ Schweigen. „George Lucas!“

Er hat das gesagt! Wirklich! Mehrfach! „Es ist nur ein Film!“ Ich schätze nur, ER kommt damit durch. ICH nicht. Ich werde das nie wieder sagen.

Als man Sie nach all den Jahren gefragt hat, ob Sie noch mal den Luke machen würden: Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Hamill: Ein Teil von mir sagte: Ja! Das wär lustig! Ein anderer Teil von mir wurde panisch. Ich dachte: „Star Wars“ hatte einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Wie hoch sind die Chancen, dass wir die Fans wieder glücklich machen können? Reunions enttäuschen doch eigentlich immer. Dann dachte ich: Oh je, wenn ich’s nicht mache, bin ich der meistgehasste Mann des Fantums! Wütende Fans werden mir vor meinem Haus auflauern wie die Dorfbewohner in „Frankenstein“ – bloß mit Lichtschwertern statt mit Fackeln. Es war, als ob ich gezwungen worden wäre, als ob ich gar keine Wahl gehabt hätte. Ich musste es quasi tun!

Ich sagte zu Regisseur Rian Johnson: „Das ist mir fast eine Nummer zu groß.“ Ich hatte gerade „Brigsby Bear“ gedreht, einen kleinen Film über einen Jungen, der gekidnappt wurde und von einer 80er-Jahre-TV-Show besessen ist. Ich spiele seinen Vater, in einem Haus, in einem Vorort, Menschen fahren Autos – es herrscht Normalität! Bei „Star Wars“ ist alles monumental. Ein einzelnes Filmset würde ausreichen, um 50 „Brigsby Bears“ zu finanzieren. Ich sagte: „Rian, ich habe große Angst.“

Und damals? Sie waren 25, als der erste „Star Wars“-Film rauskam.

Hamill: Wir hatten das alles ja nicht geahnt. Ich weiß noch, wie ich damals sagte: „Der Film spielt 30 Millionen ein – wie ,Planet der Affen‘ mit Charlton Heston.“ Und dann ging er total durch die Decke. Als der Film in die Kinos kam, war ich gerade mit Carrie (Fisher) und Harrison (Ford) auf Promo-Tour durch Kanada. Zurück in Chicago, wartete am Flughafen bereits ein riesiger Menschenauflauf. Ich sagte: „Ich glaub, da war ein Promi an Bord.“ Ich dachte an jemanden wie Mick Jagger.

Als wir dem Ausgang näher kamen, sagte ich: „Carrie! Da hat sich jemand wie du angezogen, mit plüschigen Kopfhörern, und …“ … Kinder hatten sich als Luke Skywalker verkleidet …

Das tun Kinder jetzt seit 40 Jahren. Was bedeutet es Ihnen, Luke Skywalker zu sein?

Hamill: Es ist schön, Teil von etwas zu sein, an dem sich die ganze Familie erfreut. Das ist eins der dankbarsten Dinge: Dass die Fans der ersten Stunde, die „Star Wars“ als Kinder geliebt haben, jetzt erwachsen sind und eigene Kinder haben. Ich wollte meinen Kindern ja auch zeigen, was ich liebte – „A Hard Day’s Night“, die „Marx Brothers“-Filme und „Laurel und Hardy“.

„Star Wars“ ist ja optimistisch, positiv. Ich hab die Geschichte immer eher als Märchen verstanden denn als echte Science Fiction. Als ich das Drehbuch zum ersten Mal las, dachte ich: Das ist mehr „Der Zauberer von Oz“ als „Alarm im Weltall“! Was herausragte, war der Humor. Science Fiction ist ja meistens sehr trocken. „2011: Odyssee im Weltraum“ ist zwar ein absoluter Klassiker, aber sicherlich kein Witzgewitter. „Star Wars“ hingegen: großartig! Roboter streiten sich darum, wer schuld ist, und beschweren sich darüber, wie sehr sie Raumfahrt hassen.

Was viele nicht wissen: Sie sind nicht nur „Star Wars“. Seit 1992 leihen Sie einer Comic-Figur Ihre Stimme: dem Joker, Batmans größtem Feind. Wie hat er Ihnen dabei geholfen, sich von Luke Skywalker zu emanzipieren?

Hamill: Er ist das genaue Gegenteil von Luke – und das genieße ich! Ich wollte ja immer ein Charakterdarsteller sein, aber ich musste dazu an den Broadway, weil sie mir im Kino und im Fernsehen solche Rollen nicht geben wollten. Dort spielte ich „Amadeus“, „The Elephant Man“, „Harrigan ’n Hart“, all so was. Das Großartige am Joker war, dass ich nicht mit den Augen gecastet wurde, sondern mit den Ohren. Und weil man mich nicht sehen kann, mache ich Sachen, die ich vor der Kamera nie bringen würde.

Als Comic-Fan kann ich Ihnen kaum sagen, wie dankbar ich dafür bin und wie viel Spaß es mir macht, den Joker sprechen zu dürfen. Er wird niemals alt, weil er verrückt ist, und weil er verrückt ist, ist er unberechenbar, und weil er unberechenbar ist, ist er niemals langweilig. Und immer, wenn ich denke, das war’s jetzt mit ihm, ich sollte etwas anderes machen, bittet man mich, zurückzukommen. Und es ist halt wie in „Brokeback Mountain“: „Du kannst damit einfach nicht Schluss machen.“

Können Sie den Joker hier und jetzt für mich noch einmal nachmachen?

Hamill: (Krächzt.) „The Joker is back!“ Wenn du deine Stimme nicht aufwärmst, ist es, wie im Winter dein Auto zu starten – du würgst den Motor ab. Wenn ich also zur Arbeit fahre, zu einer Batman-Aufnahme, mache ich unterwegs „Hääähähähäää“! Jemand der allein im Auto sitzt und umnachtet lacht? Interessiert in Los Angeles niemanden! Wir sind das Land der Früchte und Nüsse – der „nuts“, was auch „Verrückte“ heißt!

Muss man wie Sie ein Comic-Fan sein, um eine Comic-Figur sprechen zu können?

Hamill: Nein. Kevin Conroy war mein Lieblings-Batman, und er hat in seinem ganzen Leben kein einziges Comic-Heft gelesen. Viele Schauspieler haben nie Comics konsumiert – ich hingegen hab sie immer geliebt. Mein einziges Problem war, dass ich dachte: Der Joker ist vielleicht zu anspruchsvoll für mich. Vielleicht sollte ich Clayface oder Two-Face spielen, eine der Figuren, die noch keiner kennt. Und bevor ich noch irgendwas eingesprochen hatte, versuchte ein Schauspielkollege, mich rauszubringen. „Mutig von dir.“ – „Was?“ – „Na ja, ich persönlich würde Jack Nicholson in nichts nacheifern wollen …“ – „Nein! Warum hast du das gesagt! Daran hatt’ ich überhaupt nicht gedacht!“ Ich war mir sicher: Ich werde alle enttäuschen. Weil jeder weiß, wie der Joker klingt.

Und? Wie klingt der Joker?

Hamill: Mein Joker entstammt dem Comic alter Schule, wo er wirklich genießt, was er tut. Er ist dabei geradezu fröhlich. Was mir geholfen hat, ihn zu verstehen, war eine Folge, in der er denkt, dass jemand Batman getötet hat. Er ist mürrisch und schlürft in Pantoffeln durchs Haus. Er will nicht mehr rausgehen und Verbrechen begehen. Harley Quinn, die gleichzeitig Jokers Feindin und Geliebte ist, sagt: „Komm schon! Lass uns eine Bank überfallen!“ Und er dreht sich zu dir und sagt: „Ich weiß nicht. Ohne Batman hat Verbrechen keine Pointe.“ Wow. So denkt er. Er ist einfach meschugge! Es ist eine Freude, sich hinter das Lenkrad dieses verrückten Autos zu klemmen.

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